LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, warum manche Menschen in romantischen Beziehungen in zwanghafte Muster abrutschen: Entscheidend sind weniger „zu viel Liebe“, sondern zwei trainierbare psychologische Mechanismen. Besonders unsicher Bindungsstile wirken über Probleme bei psychologischer Flexibilität und Emotionsregulation. Damit rückt Therapie- und Präventionsarbeit auf Skills statt auf reines Partnerverhalten. Gleichzeitig liefern die Ergebnisse Hinweise, dass solche Pfade kulturell übertragbar sein können.

Wenn Nähe sich nicht mehr gesund anfühlt, sondern regelrecht zwingend wird, spricht die Forschung von „romantischer Beziehungsabhängigkeit“ als Muster zwanghafter Bindung. Eine neu veröffentlichte Arbeit im „Journal of Social and Personal Relationships“ ordnet dieses Risiko nicht primär moralisch ein, sondern psychologisch kausal: Früh entstandene Erwartungen über Beziehungen – also Bindungsstile – beeinflussen, wie gut Menschen schwierige Gefühle aushalten und steuern können. Dadurch entsteht für bestimmte Personen eine Brücke zwischen inneren Bindungsmodellen und ungesunden, kompulsiven Beziehungsdynamiken.
Bindungsstile gelten in der Psychologie als so etwas wie innere Arbeitsmodelle. Sie entstehen laut klassischem Verständnis in der frühen Kindheit aus Interaktionen mit Bezugspersonen und prägen später, was Menschen über Nähe erwarten und wie sie auf emotionale Signale reagieren. Ein sicherer Stil bildet sich typischerweise dann aus, wenn Betreuende zuverlässig verfügbar sind. Das begünstigt emotionale Sicherheit und die Fähigkeit, Intimität mit Autonomie zu balancieren. Ein ängstlicher Stil entsteht häufiger bei Unvorhersehbarkeit und führt oft zu Furcht vor Verlassenwerden, erhöhter emotionaler Labilität und starkem Beruhigungsbedarf durch den Partner.
Technisch gesprochen arbeitet die Studie mit zwei vermittelnden Prozessen, die man in therapeutischen Ansätzen immer wieder sieht: psychologische Flexibilität und Emotionsregulation. Psychologische Flexibilität beschreibt, wie gut jemand offen bleibt für belastende Gedanken und Gefühle und trotzdem im Einklang mit den eigenen Werten handelt. In einer Paarbeziehung heißt das konkret: Ein Streit oder eine Phase der Ungewissheit darf als unangenehm erlebt werden, ohne dass sofort impulsive oder zerstörerische Handlungen folgen. Emotionsregulation wiederum umfasst das Erkennen und Verstehen emotionaler Reaktionen sowie die Fähigkeit, negative Zustände zu beruhigen. Je schlechter diese Steuerung gelingt, desto größer wird das Risiko, dass „dysfunktionale Nähe“ zur Selbstberuhigungsstrategie wird.
Um diese Kette zu prüfen, rekrutierten die Forschenden 522 Erwachsene in der Türkei, allesamt aktuell in einer romantischen Beziehung. Etwa zwei Drittel waren in einer Dating-Beziehung, der Rest verheiratet. Die Teilnehmenden füllten Online-Fragebögen aus, darunter Skalen zu Bindungsstilen, psychologischer Flexibilität sowie Schwierigkeiten in der Emotionsregulation. Für die Abhängigkeitssymptomatik nutzten sie außerdem eine Skala, die zwanghafte Muster erfasst, etwa obsessive Gedanken, starken Leidensdruck bei Trennung oder das Bedürfnis nach intensiver Aufrechterhaltung der Beziehung. Statistisch analysierten sie das als sequentielle Mediation: Bindungsstil wirkt zunächst auf Flexibilität, Flexibilität beeinflusst Emotionsregulation, und daraus leitet sich die Wahrscheinlichkeit für Beziehungsabhängigkeit ab.
Die Richtung ist dabei klar. Ein sicherer Bindungsstil ging mit höherer psychologischer Flexibilität einher; diese wiederum hing mit weniger Schwierigkeiten in der Emotionsregulation zusammen. Wer also emotional belastende Momente besser einordnen und steuern kann, zeigte in der Studie eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, in zwanghafte Beziehungsdynamiken zu kippen. Bei ängstlicher Bindung verlief der Pfad anders: Sie war verbunden mit geringerer psychologischer Flexibilität, was wiederum stärkere Probleme bei der Emotionsregulation nach sich zog. Das steigerte die Wahrscheinlichkeit für romantische Beziehungsabhängigkeit. Interessant ist zudem: Ein direkt messbarer Zusammenhang zwischen vermeidendem Bindungsstil und Beziehungsabhängigkeit wurde nicht gefunden – ein Hinweis darauf, dass die von Vermeidung geprägte Distanzhaltung bestimmte zwanghafte, preoccupierte Muster eher bremst.
Für die Einordnung ist zudem wichtig, Missverständnisse zu vermeiden. Die Studie warnt davor, intensive Leidenschaft oder hohe emotionale Investition automatisch zu pathologisieren. Gesunde Hingabe zeichne sich gerade dadurch aus, dass sie flexibel bleibt und trotz Belastung in ein wechselseitiges, unterstützendes Beziehungsgeschehen eingebettet ist. Beziehungsabhängigkeit unterscheide sich davon durch Kontrollverlust, zwanghafte Aufrechterhaltung trotz erkennbaren Schadens und spürbare Beeinträchtigung im Alltag. Als Limitation bleibt außerdem die Querschnittslogik: Alles wurde zu einem Zeitpunkt erhoben, daher lässt sich keine zwingende Ursache-Wirkung-Reihenfolge im strengen Sinn beweisen. Methodisch sinnvoll wären Langzeitstudien, die die Reihenfolge der Prozesse über die Zeit verfolgen.
Aus Sicht von Unternehmen und Therapie-Ökosystemen liefert die Arbeit vor allem eine praktisch verwertbare Botschaft: Nicht der Bindungsstil allein ist das Schicksal, sondern die vermittelnden, kognitiv-emotionalen Skills. Genau hier setzen Interventionen wie Acceptance and Commitment Therapy (ACT) an, die psychologische Flexibilität trainierbar machen wollen, und gezielte Trainings zur Emotionsregulation. Im Ergebnis erklärten die Modellpfade einen messbaren Anteil der Varianz: Für sichere und ängstliche Bindungssituationen wurden jeweils relevante Anteile berichtet, wobei die mediierenden Faktoren den eigentlichen Hebel darstellen. Die Studie nimmt damit auch Bezug auf den allgemeinen Trend zur „Skills-first“-Prävention und bewegt Forschung über typische WEIRD-Stichproben hinaus – mit dem Anspruch, dass die psychologischen Pfade grundsätzlich über Kulturräume hinweg funktionieren können.
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