DRESDEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland steigt die Zahl der Beschäftigten ohne Berufsabschluss auf 4,57 Millionen. Gleichzeitig zeigen Daten aus Gesundheit und Arbeitslosigkeit, dass diese Gruppe deutlich stärker von Fehlzeiten und Erwerbsrisiken betroffen ist. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die IHK Dresden ein betriebliches Gesundheitsmanagement mit einer dreistufigen Vorgehenslogik. Die Politik treibt derweil Bildungsurlaub und Bürokratieabbau voran – mit potenziellen Folgen für Personalplanung und Weiterbildung.

Die Fachkräftelücke in der deutschen Wirtschaft wird zunehmend zu einer Frage der Organisation im Betrieb: Wer heute nicht nur offene Stellen besetzt, sondern Personal bindet und leistungsfähig hält, reduziert zugleich Ausfälle durch Krankheit. Laut einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft summieren sich Produktionsausfälle infolge von Fachkräfte-Engpässen für das Jahr 2024 auf rund 49 Milliarden Euro. In diese Gemengelage passt eine aktuelle Problemkennzahl besonders schlecht für den Status quo: Die Zahl der Beschäftigten ohne Berufsabschluss wächst weiter – von 3,76 Millionen im Jahr 2017 auf 4,57 Millionen bis 2025. Das erhöht den Druck auf Weiterbildung und auf passgenaute Beschäftigungs- und Gesundheitskonzepte.
Neu ist dabei weniger die Erkenntnis, dass Gesundheitsmanagement zählt, sondern die konkrete Verknüpfung mehrerer Handlungsfelder zu einem umsetzbaren Modell. Die IHK Dresden stellt eine dreistufige Strategie vor: Zuerst sollen Unternehmen den Personalbestand analysieren, also Qualifikationsprofile, Rollen, Belastungs- und Ausfallmuster erfassen. Danach kommt die Stärkung der Mitarbeiterbindung, typischerweise über klare Perspektiven, Führung, Arbeitsgestaltung und frühe Unterstützung bei Problemen. Erst im dritten Schritt folgt die gezielte Gewinnung neuer Fachkräfte – inklusive Einstiegspfade, die auch für Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung funktionieren. Entscheidend ist, dass Arbeits- und Gesundheitsschutz, betriebliche Gesundheitsförderung, Eingliederungsmanagement sowie Personal- und Organisationsentwicklung nicht nebeneinander herlaufen, sondern sich gegenseitig verstärken.
Technisch betrachtet lohnt sich die Denkweise vor allem für Unternehmen mit vielen parallelen HR- und Gesundheitsprozessen. Betriebliche Strukturen für BGM schaffen Messbarkeit: Wenn Fehlzeiten, Fluktuation und Krankheitsursachen in eine gemeinsame Auswertelogik überführt werden, lassen sich Maßnahmen priorisieren statt nur zu kommunizieren. In der Praxis bedeutet das, dass HR, Arbeitssicherheit und Gesundheitsdienstleister dieselbe Datenbasis nutzen und dass die Wirksamkeit pro Maßnahme überprüfbar wird. Die IHK Dresden knüpft solche BGM-Strukturen an messbare Effekte wie geringere Fehlzeiten, höhere Motivation und stabilere Mitarbeiterbindung. Für kleine und mittlere Unternehmen spielt dabei auch der organisatorische Vorteil hinein: kurze Entscheidungswege und ein familiäres Umfeld erleichtern Pilotierungen und schnelle Anpassungen.
Dieser technische Ansatz wird durch externe Unterstützungslogiken flankiert. Unterstützung gibt es laut der Meldung von Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und der Deutschen Rentenversicherung – also aus mehreren Sozialsystemen, die jeweils eigene Anreize und Programme haben. Das ist relevant, weil gerade bei Ungelernten die Übergänge zwischen Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Qualifizierung oft holprig sind: Die Arbeitslosenquote liegt 2025 bei über 20 Prozent, während sie bei ausgebildeten Fachkräften bei lediglich 3,5 Prozent liegt. Gleichzeitig wächst die Zahl Ungelernter weiter um etwa 100.000 pro Jahr, aber pro Jahr beginnen nur rund 70.000 Menschen eine Weiterbildung. Damit rückt die Frage nach der Skalierung in den Vordergrund: Wie erreicht man ausreichend große Lern- und Qualifizierungsquoten, ohne die Betriebe durch Bürokratie auszubremsen?
Aus Marktsicht verschiebt sich der Wettbewerb um Talent damit: Unternehmen konkurrieren nicht mehr nur über Gehalt und Employer Branding, sondern über betriebliche Rahmenbedingungen, die auch bei psychischer Belastung funktionieren. DAK-Gesundheitsdaten für das erste Halbjahr 2026 zeigen zwar einen leichten Rückgang beim Krankenstand von 5,4 auf 5,3 Prozent und sinkende durchschnittliche Fehltage pro Kopf von 9,9 auf 9,6. Gleichzeitig bleibt psychische Gesundheit ein Treiber: Mit 184 Fehltagen je 100 Versicherten stiegen psychische Erkrankungen um neun Prozent und sind damit die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Gegenläufig entwickelten sich Atemwegserkrankungen – sie gingen um 21 Prozent zurück. Das macht BGM zu einem strategischen HR-Instrument. Als „direktes Pendant“ im Qualifizierungsumfeld wirken außerdem institutionelle Programme der Bundesagentur für Arbeit, die Weiterbildungsmärkte organisieren und damit als Alternativpfad zu betriebsinternen Modellen wahrgenommen werden.
Für die Branchenpraxis lassen sich daraus zwei Schlüsse ableiten, die auch die Daten aus der Bertelsmann-Stiftung stützen. Erstens: Ein signifikanter Teil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat keine abgeschlossene Ausbildung – derzeit 14 Prozent. Zweitens: Wenn die Weiterbildungsgeschwindigkeit nicht hoch genug ist, bleiben die Arbeitsmarkt-Risiken bestehen, auch wenn die Konjunktur kurzfristig stützt. Die Meldung nennt als besonders erfolgsversprechende Einstiegsfelder Lager, Verkauf, Büro und Gartenbau. Aus analytischer Sicht bedeutet das: Unternehmen sollten Rollen so definieren, dass Qualifizierung in den Arbeitsalltag eingebettet ist. Genau hier unterscheiden sich traditionelle Schulungsangebote und betriebsnahe Lernpfade: Letztere können schneller ausrollen, verlangen aber stabile betriebliche Lern- und Gesundheitsprozesse. Marktbeobachter rechnen zudem damit, dass Unternehmen mit klaren BGM-KPIs eher als Partner für staatlich und sozialfinanziert unterstützte Maßnahmen gelten.
Der Blick nach vorn ist politisch und organisatorisch eng verknüpft. In Sachsen wird der Bildungsurlaub diskutiert: Der Landtag beschloss im Februar 2026 einen Anspruch auf drei Tage Bildungsurlaub pro Jahr ab dem 1. Januar 2027. Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner fordert laut Bericht eine Aussetzung – unter anderem mit Verweis auf die Position Deutschlands bei der Jahresarbeitszeit sowie auf Spitzenwerte bei Krankenstand und Urlaubsansprüchen. Das zeigt das Kernproblem für Personalplanung: Weiterbildung ist notwendig, aber Abwesenheiten müssen in den Betriebsablauf passen. Parallel plant die Bundesregierung Bürokratieabbau, unter anderem durch Abschaffung bestimmter Berichtspflichten und die Ausweitung der Genehmigungsfiktion. Mittelständler zeigen sich skeptisch, weil EU-Vorgaben unangetastet bleiben. Ergänzend beziffert das Ifo-Institut die jährlichen Bürokratiekosten auf rund 150 Milliarden Euro – für viele HR- und Compliance-Abteilungen ist das spürbarer Kostendruck, der direkt auf die Umsetzung von BGM wirkt.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein klares Zukunftsszenario: BGM wird zunehmend zur Eintrittskarte in effiziente Qualifizierungs- und Bindungsstrategien, nicht nur zur „Gesundheitsmaßnahme“. Die Bundesregierung prüft zudem, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag einzuführen und Möglichkeiten zur Teilkrankschreibung zu eröffnen. Das kann die Steuerbarkeit verbessern, erhöht aber auch die Notwendigkeit früher Diagnostik, leichter Aufgabenwechsel und sauberer betrieblicher Prozesse rund um Wiedereingliederung. Für die Praxis heißt das, BEM-Logiken stärker mit Organisationsentwicklung zu verzahnen, damit Belastungen nicht erst bei Ausfällen sichtbar werden. Wenn Firmen diese Kopplung schaffen, sinken potenziell Fehlzeiten und Fluktuation, während sich die Weiterbildungspfade für die rund 4,57 Millionen Beschäftigten ohne Berufsabschluss besser an Produktionsrealität und Gesundheit anbinden lassen. In den kommenden Jahren dürften deshalb mehr Unternehmen versuchen, BGM-KPIs in HR-Planning und Workforce-Management zu integrieren – und damit die nächste Phase der Fachkräftelücke aktiv zu gestalten.
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