DELHI / LONDON (IT BOLTWISE) – Sinkende Zufriedenheit in der Partnerschaft hängt offenbar mit einer deutlich nachsichtigen Haltung gegenüber Betrug zusammen. Entscheidend ist dabei nicht nur die aktuelle Lage, sondern vor allem eine persönliche „Soziösexualität“: Menschen mit offenerer Einstellung zu unverbindlicher Sexualität kippen eher in Richtung Zustimmung. Eine Studie mit 303 Erwachsenen aus dem Raum Delhi zeigt außerdem, dass das Muster bei Männern stärker ausgeprägt ist. Gleichzeitig machen die Autoren klar, dass die Daten Momentaufnahmen sind und keinen eindeutigen Kausalbeweis liefern.

Paare investieren Zeit, Nähe und emotionale Energie in eine Beziehung – und genau diese Ressource steht unter Druck, wenn Zufriedenheit ausbleibt. In der psychologischen Forschung wird dafür häufig das „Investment Model of Commitment“ genutzt: Es geht davon aus, dass Loyalität aus dem Zusammenspiel von erlebter Beziehungsqualität, dem Einsatz an persönlichem Engagement sowie der wahrgenommenen Attraktivität von Alternativen entsteht. Wenn also Bedürfnisse in der Hauptbeziehung nicht erfüllt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Grenzen wackeln, die normalerweise extradyadische Affären verhindern. Eine neue Veröffentlichung in „Sexual and Relationship Therapy“ setzt genau hier an und beschreibt einen psychologischen Mechanismus, der erklärt, warum aus Unzufriedenheit nicht zwangsläufig Handlungen werden müssen – aber dennoch eine grundsätzlich nachsichtige Sicht auf Untreue wahrscheinlicher wird.
Im Zentrum steht dabei ein Persönlichkeitsterm, der in modernen Erhebungen unter dem Begriff „sociosexual orientation“ läuft. Dahinter verbirgt sich eine Neigung, die sich auf den Umgang mit ungebundener Sexualität bezieht: Wer eine „unrestricted“ Ausprägung hat, empfindet körperliche Intimität außerhalb fester Bindungen als deutlich weniger problematisch. Für diese Gruppe ist ein „emotionales Muss“ weniger stark ausgeprägt; Sexualität kann auch ohne tiefen Liebesbezug als mit der eigenen Lebenswelt vereinbar erlebt werden. Umgekehrt verlangen Menschen mit „restricted“ Soziösexualität häufig eine stärkere emotionale Verankerung, bevor körperliche Nähe überhaupt für sie in Frage kommt. Die Studie macht damit plausibel, warum nicht jede unglückliche Partnerschaft automatisch zu einer veränderten Bewertung von Betrug führt: Unterschiedliche Ausgangsdispositionen bestimmen, wie stark ein Beziehungsstress die inneren Gedankengänge beeinflusst.
Besonders interessant ist die von den Forschenden getestete Brücke zwischen Partnerschaftsqualität und „Attitude Towards Infidelity“. Sie rekrutierten 303 Erwachsene im regionalen Raum Delhi, darunter 135 Männer und 168 Frauen im Alter von 18 bis 65 Jahren. Ein großer Teil der Stichprobe entfiel auf junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren. Die Beziehungslagen waren heterogen: Etwas mehr als die Hälfte gab an, aktuell jemanden zu daten, andere lebten in einer Form von Zusammenleben, wieder andere ordneten ihre Partnerschaft als „fluid“ ein – also als wenig starr definiert. Um die Daten sicher und anonym zu erfassen, nutzten die Autorinnen und Autoren Online-Fragebögen. Für die soziosexuelle Ausrichtung kam der „Revised Sociosexual Orientation Inventory“ zum Einsatz, der Zustimmung zu Aussagen über sexuelle Wünsche und vergangenes Verhalten abfragt. Ergänzend wurde mit einer neun Items umfassenden Skala die Beziehungsqualität erfasst, indem Zufriedenheit und Glück in der aktuellen Partnerschaft gemessen wurden. Schließlich erhoben sie mit einer mehrteiligen Skala die Akzeptanz unterschiedlicher Betrugsszenarien, also wie „vertretbar“ Untreue aus der Perspektive der Teilnehmenden bewertet wird.
Die statistische Auswertung ergab ein klar wiedererkennbares Muster: Niedrigere Beziehungsqualität ging mit deutlich positiveren Einstellungen gegenüber Untreue einher. Wer mit dem eigenen Partner bzw. der eigenen Partnerin unzufrieden war, bewertete Außenintimität eher als akzeptabel als Personen, die ihre Partnerschaft als erfüllend beschrieben. Das passt zu Erwartungen, die auch aus früheren Arbeiten zur Unzufriedenheit in Ehe- und Partnerschaften bekannt sind. Dennoch betonen die Autorinnen und Autoren den entscheidenden Punkt: Es handelt sich nicht um einen einfachen, direkten Gedankensprung von „mir geht es schlecht“ zu „Betrug ist okay“. Stattdessen fungiert die soziosexuelle Orientierung als Zwischenvariable. Vereinfacht gesagt: Schlechtere Beziehungsumstände scheinen eher eine bereits vorhandene Offenheit gegenüber unverbindlicher Intimität zu aktivieren oder zu verstärken; erst darauf aufbauend steigt die Neigung, Betrug im Kopf weniger kritisch zu betrachten. In der Sprache der Studie wird das als „mediated pathway“ beschrieben.
Als theoretische Einbettung greifen die Forschenden zudem auf Überlegungen zur „self congruency theory“ zurück. Diese Logik lautet sinngemäß: Wenn das eigene Verhalten – oder die eigenen Fantasien – besser zu den inneren Werten passen, kann das subjektiv als Wohlbefinden empfunden werden. Bei Menschen mit hoher Offenheit für unverbindliche Sexualität ist diese Passung nach einem solchen Ereignis typischerweise leichter herstellbar. Wenn die Hauptbeziehung dagegen nicht die gewünschte emotionale oder sexuelle Erfüllung liefert, können Gedankengänge, die sich „authentisch“ anfühlen, stärker werden. Ergänzend zeigt die Studie, dass Geschlecht die Stärke dieses psychologischen Pfads verändert. Die Daten sprechen dafür, dass Männer im Mittel einen höheren Ausgangswert für unbeschränkte Soziösexualität hatten. Und wenn die Beziehungsqualität abnahm, waren Männer eher als Frauen dazu bereit, die Perspektive auf Außenpartner günstiger zu bewerten.
Zur Einordnung dieser Geschlechtsunterschiede nennen die Autorinnen und Autoren zwei Argumentationslinien. Einerseits wird das mit evolutionspsychologischer Perspektive auf „sexual strategies theory“ verknüpft: Dort wird angenommen, dass unterschiedliche reproduktive Drücke im Verlauf der Evolution zu verschiedenen Paarungsstrategien von Männern und Frauen geführt hätten. Andererseits werden auch soziologische Erklärungen diskutiert, insbesondere die Rolle sozialer Normen und Stigmatisierung in geschlossenen Gesellschaftsformen. Die Studie verweist darauf, dass Männer im Vergleich zu Frauen häufig eine weniger strenge soziale Sanktion für Promiskuität erfahren. Für Frauen können dagegen körperliche und soziale Risiken einer außerehelichen Situation höher gewichtet werden – was sich offenbar auch in tendenziell weniger günstigen Einstellungen trotz ausgeprägter Unzufriedenheit widerspiegeln könnte. Gleichzeitig nennen die Forschenden methodische Grenzen: Die Untersuchung basiert auf Beobachtungsdaten zu einem Zeitpunkt. Damit lässt sich kein eindeutiger Kausalzusammenhang beweisen. Denkbar ist auch, dass eine natürliche Neigung zu unverbindlicher Sexualität die Beziehungszufriedenheit mit beeinflusst, statt umgekehrt. Um diese zeitliche Reihenfolge zu klären, bräuchte es Längsschnittstudien über mehrere Jahre, die Veränderungen in Einstellungen und Beziehungen fortlaufend verfolgen.
Für die praktische Arbeit in der Beratung ist die Studie trotzdem relevant, weil sie zeigt, wo Therapeutinnen und Therapeuten ansetzen könnten: nicht nur bei der konkreten Unzufriedenheit, sondern auch bei der Basis-Disposition zur unverbindlichen Intimität. Wenn Berater die soziosexuelle Orientierung eines Klienten oder einer Klientin berücksichtigen, lassen sich Interventionen möglicherweise passgenauer gestalten. Die Autoren leiten daraus ab, wie wichtig emotionale Transparenz und proaktives Problemlösen innerhalb der Partnerschaft sind. Statt Defizite erst dann zu adressieren, wenn „Gedanken“ bereits auf Außenoptionen umschalten, kann ein frühzeitiger Umgang mit Unstimmigkeiten helfen, dass Unzufriedenheit nicht in eine nachsichtige Bewertung von Außenintimität umkippt. Auch methodisch macht die Studie klar, worauf weitere Forschung achten muss: Selbst wenn Gedanken über Betrug „positiv“ ausfallen, heißt das nicht automatisch, dass es zu realem Verhalten kommt – zwischen Wunsch und Handlung liegen moralische, logistische und kommunikative Hürden. Als nächste Schritte schlagen die Forschenden vor, weitere Lebensvariablen wie religiöse Überzeugungen, beruflichen Stress oder mentale Gesundheit in den Kontext einzubeziehen und die Befunde bei älteren Bevölkerungsgruppen zu replizieren, weil sich langfristige Motivlagen mit dem Alter typischerweise verändern.
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