USA / LONDON (IT BOLTWISE) – KI-gestützter Betrug trifft laut aktuellen Angaben überproportional ältere Menschen. Im Jahr 2025 sollen Senioren in den USA fast 7,7 Milliarden Dollar an Betrugsverlusten erlitten haben. Besonders auffällig: KI-Chatbots erreichen bei „Romance-Baiting“ eine Erfolgsquote von 46 Prozent, während menschliche Täter auf 18 Prozent kommen. Behörden und Sicherheitsforscher warnen zugleich vor hochautomatisierten Phishing- und Krypto-Kampagnen, die Identitätsdaten gezielt abgreifen sollen.

Die Zahlen wirken wie ein Beschleunigungsschub, nicht wie ein gelegentlicher Ausschlag: Wenn KI-Modelle zunehmend in Täuschungsprozesse eingebaut werden, sinkt die Einstiegshürde für Betrüger und steigt die Reichweite ihrer Kampagnen. Laut den im Umfeld einer Anhörung im US-Senat genannten Angaben verloren Senioren in den USA im Jahr 2025 rund 7,7 Milliarden Dollar durch Betrugsmaschen. Der Fokus auf ältere Zielgruppen passt dabei zu einem wiederkehrenden Muster in Social-Engineering-Fällen: Hohe soziale Verlässlichkeit, weniger digitale Routine und eine stärkere Neigung, ungewohnte Kontaktwege trotzdem ernst zu nehmen. Genau dort setzt KI an, weil sie Dialoge personalisieren kann und nicht nur statische Inhalte verschickt.
Technisch betrachtet ist die neue Qualität vor allem die Automatisierung des Gesprächsverlaufs. Auf einer Sicherheitskonferenz (USENIX Security ’26) beschrieben Forschende einen Ansatz, bei dem KI-Chatbots wie Claude Sonnet 3.7 und GPT-4o bei „Romance-Baiting“ klar besser abschneiden als menschliche Täter. Beim sogenannten Romance-Baiting geben sich Angreifer als vermeintliche Partner oder enge Vertraute aus und bringen Betroffene Schritt für Schritt dazu, Geld zu überweisen oder sensible Daten zu teilen. In den genannten Ergebnissen erreichten die KI-Systeme eine Erfolgsquote von 46 Prozent gegenüber 18 Prozent bei menschlichen Tätern. Brisant ist zudem, dass Sicherheitsfilter großer Anbieter in dem beschriebenen Test bei keines der 250 geprüften Schadensskripte eine Erkennung lieferten, was für den Betrieb solcher Kampagnen eine niedrige Hürde signalisiert.
Die wirtschaftliche Dimension wird in derselben Darstellung noch konkreter: Für KI-bezogene Betrugsfälle sollen im Jahr 2025 etwa 893 Millionen Dollar verloren worden sein, verteilt auf rund 22.000 gemeldete Beschwerden. Damit lässt sich zumindest grob nachvollziehen, wie sich ein Betrugsthema in Berichtskanälen materialisiert, statt nur als „Gefühl“ in Haushalten zu existieren. Gleichzeitig nennen Analysten von Deloitte als Projektion, dass diese Verluste bis 2027 auf 40 Milliarden Dollar ansteigen könnten. Für Unternehmen und Sicherheitsverantwortliche ist diese Hochrechnung relevant, weil sie die Skalierung beschreibt: Nicht jede Kampagne ist gleich, aber wenn die Kosten pro Kontakt sinken und die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt, wachsen die absoluten Schäden schneller als die organisatorische Gegenwehr.
Neben klassischem Romance-Baiting rücken Steuer- und Krypto-Betrug in den Vordergrund, weil sie sich über klare Handlungsaufforderungen ansteuern lassen. Laut den Warnungen der US-Steuerbehörde IRS wurden Schreiben thematisiert, die Kryptowährungsbesitzer an eine angeblich notwendige Registrierung in einem nicht existierenden „Digital Asset Compliance Portal“ bringen sollen. Die Nachrichten sollen QR-Codes enthalten, die zu gefälschten Websites führen, um Identitätsdaten zu stehlen und digitale Geldbörsen zu leeren. Ähnliche Mechaniken tauchen laut den Berichten auch außerhalb der USA auf: In Südafrika sei von KI-gestützten Betrugsversuchen die Rede, die täuschend echte Steuerrückerstattungs-Benachrichtigungen per SMS und E-Mail nachbilden. In Indien wiederum sollen sich Betrüger als Steuerbeamte ausgeben, um an sensible Bankdaten und Einmalpasswörter zu gelangen. Der technische Kern ist dabei weniger „Magie“, sondern die Kombination aus glaubwürdig wirkendem Branding, zielgerichteter Tonalität und klickbaren Übergängen, die im Backend mit Datendiebstahl und Kontoentleerung verknüpft werden.
Auch auf der technischen Infrastruktur-Seite wird das Bild klarer: Sicherheitsforscher ordneten ein massives Werbebetrugs-Botnetz dem Unternehmen Bitsight TRACE zu, das „Fuyao Enterprise“ als Kampagnenbezug nennt. Dabei geht es laut Darstellung um mehr als 120.000 gekaperten Android-TV-Boxen, also um Geräte, die im Alltag oft selten aktualisiert werden und dadurch als stabile Angriffsplattformen taugen. Die Operation soll KI zur Generierung von Websites einsetzen und Computer Vision nutzen, um Werbeflächen zu erkennen und auszunutzen. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Verteidigung: Wer nur auf typische Phishing-Formen achtet, verfehlt möglicherweise Angriffsphasen, in denen die Betrüger nicht primär „E-Mails“ liefern, sondern ganze Nutzerpfade orchestrieren. Ergänzend zeigt der Zimperium AI Mobile Security Threat Report 2026, dass KI-basierte Angriffe auf Mobilgeräte deutlich überzeugender wirken sollen, während Phishing-Vorfälle auf Mobilgeräten seit Januar 2025 um 380 Prozent gestiegen sein sollen und sich die Verbreitung von Spyware im Jahresvergleich vervierfacht haben soll.
Während Regierungen und internationale Organisationen Gegenmaßnahmen planen, wirkt das Gesamtbild wie ein Wettrennen zwischen automatisierter Verbreitung und menschlicher Reaktionszeit. In den Berichten heißt es, dass die Vereinten Nationen und die Europäische Union Alarm geschlagen hätten, unter anderem wegen der „menschlichen Kosten“ solcher Operationen. Für Unternehmen und Plattformanbieter ist dabei vor allem die Frage nach wirksamen Kontrollpunkten entscheidend: Wenn Abgrenzung und Sperrung zu spät greifen, gewinnen Angreifer Zeit, um Geldflüsse anzuschieben und Zugangsdaten in Backoffice-Prozesse einzuspeisen. Konkrete regulatorische Hebel werden in der Darstellung beispielhaft: In Indien seien Beschränkungen für Plattformen wie Telegram und WhatsApp verhängt worden, und Dienstleister wie GoDaddy sollen verpflichtet worden sein, die Registrierung betrügerischer Domains zu verhindern. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass Strafverfolgung in bestimmten Betrugskategorien nicht in dem Tempo wie die Schadensmeldungen mithalten kann; bei einer Senatsanhörung sei das FBI in einigen Kategorien laut Darstellung mit weniger als 0,5 Prozent der gemeldeten Verluste genannt worden, die einfrieren konnten.
Für die Praxis heißt das: KI-Betrug ist nicht nur ein „Security-Thema“, sondern ein Prozess- und Identitätsproblem. Sicherheitsverantwortliche sollten die Abwehr deshalb entlang der gesamten Kette ausbauen: vom Erkennen von täuschend echten Kommunikationsmustern über die Absicherung von Klickpfaden bis hin zur Erkennung ungewöhnlicher Auszahlungen. Besonders bei Senioren ist die Kombination aus technischen Controls und gezielter Aufklärung entscheidend, weil die Angriffe häufig über Vertrauen und Handlungsdruck funktionieren. Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf die eigenen Schnittstellen: Wenn interne Prozesse E-Mail, SMS oder Messenger-nahe Workflows in der Praxis „automatisch“ ernst nehmen, verschafft das Betrügern einen Vorteil, selbst wenn es einzelne technische Filter gibt. Der wichtigste Maßstab bleibt daher nicht die Frage, ob KI existiert, sondern ob Organisationen ihre risikorelevanten Entscheidungen so gestalten, dass KI-generierte Überzeugungsarbeit nicht automatisch in echte Handlungen übersetzt wird.
Parallel dazu dürfte der Druck auf Anbieter von KI-gestützten Systemen weiter steigen, weil in den beschriebenen Tests Sicherheitsfilter trotz 250 geprüfter Schadensskripte nicht gegriffen haben. Das ist ein Signal für den Markt: Modelle, die Sprache erzeugen, müssen auch im Missbrauchsfall in den Gesamtsystemen robust sein, also mit Rate-Limits, Kontextanalyse und klaren Feedback-Schleifen gegen Social-Engineering. Für Unternehmen, die KI einsetzen, verschiebt sich damit der Schwerpunkt von „Modelle sind leistungsfähig“ hin zu „Modelle sind verantwortbar integrierbar“. Je länger sich der Angriff über automatisierte Dialoge, QR-Transitions und mobile Entführungswege stabil betreibt, desto größer wird der Aufwand, den Schaden im Nachhinein einzudämmen.
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