LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Geruchstest kombiniert subjektive Duftbewertungen mit Messungen des realen Schnüffelverhaltens. Damit lassen sich Parkinson-Symptome offenbar von anderen Ursachen für Riechverlust unterscheiden, obwohl klassische Riechtests oft nur „schlechter“ messen. Die Studie zeigt zudem ein spezifisches Muster: Betroffene bewerten angenehme Düfte ähnlich wie Gesunde, ordnen aber die „Angenehmheit“ deutlich anders zu. Zusätzlich fallen die Atem- und Schnüffelreaktionen auf unangenehme Gerüche bei Parkinson-Patienten untypisch aus.

KI-gestützter Geruchstest erkennt Parkinson: veränderte Wahrnehmung und Schnüffelmuster
KI-gestützter Geruchstest erkennt Parkinson: veränderte Wahrnehmung und Schnüffelmuster (Foto: IT BOLTWISE)
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Riechverlust gilt häufig als frühes Warnsignal, weil er bei Parkinson oft bereits Jahre vor den motorischen Symptomen auftritt. Genau hier setzt die aktuelle Arbeit an: Standard-Riechtests sagen zwar, ob jemand Düfte erkennen oder benennen kann, liefern aber meist kein klares Bild darüber, warum die Leistung schlechter ist. Das wird zum Problem, weil auch altersbedingte Veränderungen, virale Infektionen oder Nasennebenhöhlen-Probleme die Geruchswahrnehmung beeinträchtigen. Die Forscher um Michal M. Andelman-Gur wollen deshalb nicht nur „Empfinden ja oder nein“ messen, sondern eine erkennbare Signatur in der Art, wie Menschen Gerüche wahrnehmen und dabei schnüffeln.

Technisch wirkt der Ansatz zunächst simpel: Er verbindet drei Ebenen der Erfassung miteinander. Erstens absolvieren die Teilnehmenden einen klinischen Geruchstest mit einer 48-Punkte-Skala, der Detektion, Diskrimination und Identifikation verschiedener Duftreize abprüft. Zweitens bewerten sie die Intensität und die „Angenehmheit“ einzelner Gerüche anhand einer Skala von 1 bis 100. Drittens zeichnet ein Miniatur-Nasenfluss-Sensor das unwillkürliche Atmungs- und Schnüffelmuster während des Einatmens auf; zusätzlich wird die Dauer der Schnüffelreaktion für angenehme und unangenehme Düfte in normierten Zeiteinheiten erfasst. Der entscheidende Punkt: Während der klassische Test zwar einen Riechverlust nachweist, kann er die Ursache offenbar nicht zuverlässig trennen – Parkinson von „sonstigem“ Riechverlust also nicht sauber unterscheiden.

Die Studienteilnehmer waren nach Alter und Geschlecht abgestimmt und umfassten 94 Personen: 33 mit bestätigter Parkinson-Erkrankung, 33 gesunde Kontrollpersonen sowie 28 Teilnehmende mit Riechverlust, der nicht auf Parkinson zurückging. Im Standardtest lagen gesunde Kontrollen bei einem Median von 30,5 von 48 Punkten, die Parkinson-Gruppe bei 16,5 und die Gruppe mit anderen Ursachen bei 12,4. Selbst wenn die Auswertung Faktoren wie Alter, Geschlecht und Parkinson-Medikation kontrollierte, blieb die Trennschärfe begrenzt. Erst die nachgelagerte Wahrnehmungs- und Verhaltensmessung lieferte den Zusatznutzen: In einem Set aus Duft-„Jars“ – beispielsweise mit einem Zitronenduft als angenehm, einem Fäkalgeruch als unangenehm oder ohne Geruch – bewerteten Teilnehmende mit nicht-parkinsonbedingtem Riechverlust den angenehmen Duft deutlich weniger intensiv (Median 16) als gesunde Kontrollen (Median 78). Überraschend war jedoch, dass Parkinson-Teilnehmende die Intensität des angenehmen Geruchs ähnlich hoch bewerteten (Median 78), während sich das Bild bei der Angenehmheit veränderte: Dort ähnelten sie eher der Nicht-Parkinson-Gruppe, nicht den Kontrollen.

In der Interpretation lässt sich daraus ein Kernbefund ableiten: Parkinson scheint nicht einfach „alle Sinne abdunkeln“ zu verursachen, sondern die Zuordnung von sensorischer Information zu subjektiver Bewertung umzubauen. Die Arbeit zeigt dafür ein konkretes Muster: Beide Gruppen mit Riechverlust – also Parkinson und andere Ursachen – ordneten die Angenehmheit des angenehmen Duftes im Mittel etwa im Bereich des Medians von 50 ein, während gesunde Kontrollen bei 81,5 lagen. Um dieses Wahrnehmungsprofil noch feinauflösender zu charakterisieren, ließen die Forschenden die Teilnehmenden zudem 10 verschiedene chemische Gerüche anhand von 11 Beschreibungsdimensionen (etwa „süß“, „würzig“, „verbrannt“) auf einer 100-Punkte-Skala einordnen. Daraus entsteht eine mathematische Repräsentation, wie ähnlich oder unterschiedlich Düfte für die jeweilige Person wirken. Die Auswertung deutet darauf hin, dass Parkinson-Teilnehmende ein gemeinsames Muster teilen: Ihre Bewertungen korrelierten stärker mit anderen Parkinson-Fällen als mit gesunden Personen oder mit Teilnehmenden, deren Riechverlust andere Ursachen hat.

Neben der subjektiven Ebene kommt die physische Verhaltenskomponente hinzu. Die Studie misst die Schnüffelreaktionen, weil der Mensch bei angenehmen Gerüchen typischerweise länger und tiefer einatmet, bei unangenehmen dagegen kürzer. Gesunde Kontrollen inhalieren den angenehmen Duft im Mittel für 1,12 Zeiteinheiten, den unangenehmen für 0,98. Auch bei nicht-parkinsonbedingtem Riechverlust blieb dieses erwartete Muster erhalten: 1,32 für den angenehmen und 1,17 für den unangenehmen Reiz. Die Parkinson-Gruppe wich dagegen ab: Sie inhalierte den angenehmen Geruch mit 1,18 Zeiteinheiten und den unangenehmen mit 1,20 – also ohne die übliche Anpassung. In der Formulierung Andelman-Gurs wird daraus ein gedanklicher Wendepunkt: „At first, I was mainly interested in characterizing sniffing patterns and the natural tendency to reduce or briefly hold your breath in response to unpleasant odors, “ so die Forscherin. „I did not expect patients with Parkinson’s disease to take longer sniffs when smelling unpleasant odors.“ Sie ergänzt später: „It was completely counterintuitive, “ und beschreibt, dass genau dieser Moment zeigte, „something really interesting“ zu sehen, das „meaningful information“ über die Erkrankung liefern könnte.

Aus diesen Bausteinen bauten die Autorinnen und Autoren schließlich ein kombiniertes statistisches Modell, das subjektive Geruchsbewertungen und objektive Schnüffeldaten zusammenführt. Damit lassen sich Parkinson-Fälle offenbar mit hoher Trefferquote klassifizieren: Gegenüber gesunden Kontrollen erreicht das Modell 89 % Genauigkeit, wobei 83 % der tatsächlichen Parkinson-Fälle korrekt zugeordnet wurden und 94 % der gesunden Fälle. Bei der Unterscheidung von Parkinson gegenüber anderen Ursachen für Riechverlust lag die Genauigkeit bei 88 %. Besonders bemerkenswert ist, dass die Trefferquote nach Analyse einer enger gematchten Subgruppe von jeweils 16 Personen pro Bedingung auf 94 % anstieg. Wichtig ist aber die Einordnung der Studienlage: Die Teilnehmenden hatten bereits eine bestätigte Parkinson-Diagnose. Da Riechstörungen typischerweise deutlich früher beginnen, benötigen zukünftige Studien eine prospektive Perspektive, also die Nachverfolgung gesunder Personen über viele Jahre, um zu prüfen, ob der Test auch in prä-symptomatischen Phasen zuverlässig vorhersagen kann.

Für die Entwicklung eines solchen Früherkennungs-Workflows spielt die praktische Umsetzbarkeit eine große Rolle. Andelman-Gur betont den Charakter der gemessenen Alltagsreaktion: „One thing I find especially exciting is that this approach uses a very simple, natural behavior – how we sniff – to reveal information about the brain, “ heißt es in ihrer Beschreibung. „I hope this can eventually help us identify disease much earlier than we can today.“ Gleichzeitig nennt sie eine klare Einschränkung: „The main limitation is that our cohorts are still relatively small, so the findings will need to be replicated in larger and more diverse groups.“ Die nächsten Schritte zielen deshalb auf größere und diversere Stichproben, auf Gruppen mit erhöhtem Risiko sowie auf genetische Besonderheiten. Genannt wird dabei unter anderem der LRRK2-Genmarker, weil Mutationen die Wahrscheinlichkeit für Parkinson erhöhen. Die Forschenden planen, die Methode zunächst in Risikogruppen wie LRRK2-Mutationsträgern zu testen, mit dem Ziel, daraus perspektivisch einen einfachen Screening-Ansatz zu machen. Für Unternehmen und Diagnostik-Entwickler ist dabei vor allem die Kombination aus psychophysischer Testlogik und sensorischem Messsignal relevant: Es ist weniger ein „neues Labor“, sondern eher ein neues Messkonzept, das bestehende Riechtests um verhaltensbasierte Marker erweitert.

Verantwortlich ist zudem die Frage nach der Robustheit über demografische Variationen hinweg. In der aktuellen Stichprobe sind deutlich mehr Männer als Frauen vertreten, was mit der höheren Parkinson-Rate bei Männern in Einklang stehen kann, aber dennoch methodisch überprüft werden muss. Sobald das Profil auch in ausgewogeneren Gruppen stabil bleibt, wird der Schritt in Richtung breiterer Anwendung wahrscheinlicher. Daneben bleibt ein wissenschaftlicher Spannungsbogen: Die Autoren knüpfen an die Beobachtung an, dass bei Parkinson nicht nur „Sensorik“ nachlässt, sondern die Verarbeitung sensorischer Informationen im Gehirn umgebaut wird. Die veränderten Schnüffelmuster könnten dabei sowohl Marker als auch potenzieller Einflussfaktor sein – etwa über die Frage, ob atypische Atmung die Geruchsverarbeitung über Zeit weiter verschlechtert. Das Ergebnis ist damit weniger ein einzelner Test, sondern ein Hinweis darauf, wie sich KI-gestützte Auswertungen aus einfachen Messhandlungen ableiten lassen, um Erkrankungsursachen differenziert zu erkennen.


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