LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende argumentieren, dass Aphantasie die Annahme erschüttert, abstraktes Denken brauche mentale Bilder. Menschen mit ausgeprägter Aphantasie berichten bei Vorstellungen wie Regenbogen oder Gesichtern von völliger Dunkelheit, können aber dennoch Geometrie, Moralvorstellungen und komplexe Schlussfolgerungen bearbeiten. Die Autoren setzen sich dabei mit mehreren klassischen Rettungsversuchen auseinander – von multimodaler Ersatzvorstellung bis hin zu unbewusster Bildverarbeitung. Das Ergebnis zwingt Modelle der Kognition dazu, Repräsentation auch ohne „inneres Schauspiel“ zu erklären.

Aphantasie unterminiert Humes Bilder-Theorie abstrakten Denkens
Aphantasie unterminiert Humes Bilder-Theorie abstrakten Denkens (Foto: IT BOLTWISE)
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Aphantasie rückt ein altes, fast literarisches Denkbild in die Defensive: die Idee, der Geist arbeite im Kern wie eine innere Bühne, auf der sich konkrete Vorstellungen abspielen. David Hume prägte diese Vorstellung im 18. Jahrhundert so, dass abstrakte Begriffe nur über „bildhafte“ Operationen an einzelnen Ideen möglich seien. Genau hier setzen die Forschenden an und testen die Plausibilität dieser Verknüpfung zwischen Abstraktion und bildbasierter Vorstellung. Auffällig ist dabei nicht nur, dass Betroffene keine willentliche Bilder „sehen“, sondern dass sie bei Fragen nach typischen mentalen Szenen wie Regenbogen oder Gesichtern von einem völligen blinden Fleck berichten.

Der Kern des Arguments ist experimentell und konzeptionell zugleich. Wenn abstraktes Denken tatsächlich zwingend eine bildhafte Handhabung individueller Ideen erfordern würde, müssten Menschen mit schwerer Aphantasie systematisch beim Umgang mit Geometrie, ethischen Fragen oder Mathematik einbrechen. Der Bericht, der in der Neuropsychologia-Studie „Aphantasia as a challenge for Humean abstraction“ entfaltet wird, stellt dem jedoch die Beobachtung gegenüber, dass Betroffene trotz fehlender visueller Vorstellungskraft abstrakt und regelbasiert agieren können. Gleichzeitig wird Humes „Engpass“ nicht mit Nebelwörtern behauptet, sondern als überprüfbare Vorbedingung beschrieben: Abstraktion müsste an sensorisch-reichhaltige Repräsentationen gekoppelt sein, die bei Aphantasie offenbar nicht verfügbar sind.

Technisch betrachtet ist das Spannungsfeld spannender als es zunächst klingt, weil die üblichen Alternativen ebenfalls an die Datenlage gebunden werden. Eine naheliegende Verteidigung lautet: Vielleicht ersetzen Betroffene visuelle „Bilder“ durch Hör- oder Tastszenen. Die Autoren verwerfen das nicht nur als Möglichkeit, sondern stützen sich auf die Existenz von „multimodalen Aphantasien“, bei denen nicht nur das Sehen, sondern auch andere Sinnesmodalitäten keine willentliche oder zuverlässige Bildlichkeit liefern. Damit wird die Suche nach einem sensorischen Ersatz erschwert: Abstraktion könnte zwar ohne Vision auskommen, aber nicht ohne irgendeine Form von mentaler Bildlichkeit. Genau dieser Schluss wird aber gerade nicht bestätigt, weil das zentrale kognitive Leistungsprofil erhalten bleibt.

Auch der nächste Rettungsversuch wird adressiert: das Argument der unbewussten Bildproduktion. In vielen Modellen dient „unbewusst“ als Puffer, um beobachtete Fähigkeiten mit theoretischen Anforderungen zu versöhnen: Vielleicht können Betroffene nicht bewusst visualisieren, doch unter der Oberfläche entstehen dennoch mentale Bilder, die anschließend die Abstraktion tragen. Die Studie stellt jedoch die Existenz einer solchen unbewussten Bildschicht infrage und verweist auf begrenzte Evidenz für unbewusste Bildlichkeit in Aphantasie sowie auf Befunde, die insgesamt eher gegen eine solche durchgängige Imagery-Verarbeitung sprechen. In der Konsequenz wird nicht nur Humes These getroffen, sondern auch ein populärer Strang imagistischer Kognitionsmodelle.

Historisch lohnt der Blick auf die zweite Front, nämlich wie Kognition in der Forschung jenseits des „Bildarchivs“ erklärt wird. Neben imagistischen Ansätzen gibt es symbolische und sprachnahe Sichtweisen, in denen mentale Inhalte eher als Relationen, Regeln oder sprachähnliche Strukturen verarbeitet werden. Für Aphantasie ergibt sich daraus eine vergleichbare Herausforderung: Wenn Betroffene trotzdem komplexe moralische Prinzipien und logische Muster handhaben, dann müssen Repräsentationen zumindest funktional bereitstehen – ob als Sprache, als abstrakte Struktur oder als nicht-bildhafte Kodierung. Der Text setzt dabei explizit auf eine Hume-nahe Kritikkette: Wörter wie „Dreieck“ gelten in einem Hume’schen Rahmen eher als „leere Gefäße“, wenn ihnen keine entsprechende bildhafte Bedeutung zugrunde liegt. Genau diese Voraussetzung wirkt bei Aphantasie fragwürdig.

In der Markt- und Forschungslandschaft ist die Relevanz sofort greifbar, weil sich daraus Anforderungen an KI- und Cognitive-Science-Design ableiten lassen. Modelle, die eine bildhafte interne Repräsentation als universelle Vorbedingung für Abstraktion annehmen, könnten bei der Auslegung von Lern- und Erklärmechanismen zu eng werden. Als Kontrast werden in der Debatte häufig verkörperte und vorhersagebasierte Ansätze herangezogen, die stärker auf sensorische Kopplung oder Erwartungsbildung setzen – allerdings sind sie nicht automatisch an „bewusste Bilder“ gebunden. Branchenbeobachter sehen hier ein Muster: Je stärker Systeme Abstraktion als rein visuelles Problem rahmen, desto größer ist das Risiko, dass sie alternative Representationspfade unterschätzen.

Ein wichtiger Punkt für Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist zudem der Umgang mit personenbezogenen Daten in Studien zur Gehirn- und Kognitionsfunktion. Auch wenn Aphantasie selten als „klinisches“ Datenschutzthema wahrgenommen wird, fallen in entsprechenden Experimenten typischerweise Einwilligungen, Fragebogendaten und teils Bildgebungs- oder Testresultate an, die nach DSGVO als Gesundheits- bzw. besonders schützenswerte Daten gelten können. Das macht saubere Datenminimierung, Zugriffskontrollen und nachvollziehbare Einwilligungsprozesse zu einer Pflicht, nicht zu einem Nice-to-have. Gerade weil solche Studien häufig internationale Kooperationen nutzen, muss die Governance über Laborgrenzen hinweg konsistent bleiben.

Für die Zukunft heißt das nicht, dass mentale Bildlichkeit bedeutungslos wäre, sondern dass sie nicht als unverzichtbare Basis für Abstraktion verallgemeinert werden darf. Die Studie zielt darauf, Aphantasie nicht als harmlose Sonderkategorie zu behandeln, sondern als Hinweis auf größere Variabilität im kognitiven „Code“. Wenn Betroffene Abstraktion ohne bildhafte Sensoriensimulation ausführen, müssen neue Erklärmodelle flexibler werden: Sie sollten zeigen können, wie Bedeutungen, Regeln und Relationen ohne sensorische Theaterstruktur stabil repräsentiert werden. Für die Forschung bedeutet das, Imagery-Fragen stärker als funktionale Variable zu behandeln, nicht als binäres „Vorhanden/Fehlt“ des Geistes. Für Entwickler*innen und Wissenschaftspartner bleibt die Implikation klar: Repräsentationen können ohne sichtbare Bilder funktionieren – und diese Freiheit sollte auch in KI-Architekturen und kognitiven Trainingspipelines berücksichtigt werden.


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