LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung verbindet Body Dysmorphic Disorder mit einer deutlich verstärkten kognitiven Tendenz, Selbst-bezogene Informationen schneller und genauer zu verarbeiten. Die Studie zeigt den Effekt nicht nur bei selbstrelevanten Inhalten, sondern sogar bei neutralen Alltagsobjekten in einem Labor-Setup. In zwei Experimenten schnitten Teilnehmende mit höheren BDD-Symptomen bei Aufgaben mit „You“-Zuordnung messbar besser ab. Damit rückt ein grundlegender Informationsverarbeitungs-Mechanismus als möglicher Ansatzpunkt für Therapieziele in den Fokus.

Menschen mit ausgeprägten dysmorphischen Tendenzen wirken im Alltag oft so, als würden sie ihre eigene Wahrnehmung „auf Autopilot“ fahren lassen: Bestimmte Hinweise rund um sich selbst werden intensiver gewichtet, schneller eingeordnet und besser erinnert als Informationen über andere. Genau an dieser Stelle setzt die jetzt veröffentlichte Arbeit an und beschreibt nicht primär neue Symptomprofile, sondern eine spezifische kognitive Verzerrung in der Verarbeitung selbstbezogener Inhalte. In der Zeitschrift Quarterly Journal of Experimental Psychology argumentieren die Forschenden, dass diese „überhöhte Selbst-Priorisierung“ zur Schwere von Body-Image-Vorenthalten beitragen könnte, auch wenn das Material keinerlei Bezug zur körperlichen Erscheinung hat.
Zum Hintergrund: Body Dysmorphic Disorder (BDD) gilt als psychische Erkrankung, bei der Betroffene eine starke, belastende Beschäftigung mit wahrgenommenen Makeln am eigenen Körper erleben. Häufig wird dabei über längere Zeit auf kleine oder sogar eingebildete Auffälligkeiten fokussiert, was Alltag, Beziehungen und soziale Teilhabe deutlich beeinträchtigen kann. Die neue Studie verankert ihre Hypothese in einem grundlegenden Muster der Informationsverarbeitung, das auch in der Allgemeinbevölkerung vorhanden ist: dem sogenannten „self-prioritization effect“. Dieser Effekt bedeutet vereinfacht, dass das Gehirn Informationen, die sich auf die eigene Person beziehen, schneller und zuverlässiger lernt, verarbeitet und später wiedererkennt als Inhalte, die andere Personen betreffen.
Interessant wird es, weil das Team prüfen wollte, ob dieser Effekt bei Menschen mit höheren BDD-Symptomen nicht nur vorhanden ist, sondern „überzeichnet“ auftritt. Frühere Modelle bringen BDD in Verbindung mit einer möglicherweise überaktiven Selbst-Aufmerksamkeitskomponente im Gehirn. Mechanistisch würde das heißen: Wer ohnehin stärker auf selbstbezogene Reize achtet, könnte normale körperliche Signale als bedeutsamer wahrnehmen, als sie objektiv sind, und daraus eine intensivere gedankliche Schleife entwickeln. Die vorliegende Arbeit geht aber einen Schritt weiter, indem sie testet, ob die Selbst-Verzerrung auch bei neutralen, alltäglichen Gegenständen greift, die keinen direkten Bezug zu Aussehen oder Körpermerkmalen haben.
Im ersten Experiment rekrutierten die Forschenden 87 Teilnehmende über eine Online-Plattform; das Alter lag zwischen 32 und 71 Jahren, und es handelte sich um Frauen. Zunächst füllten die Personen einen standardisierten Fragebogen aus, der das Vorhandensein und die Ausprägung dysmorphischer Symptome erfasst, allerdings ohne klinische Diagnose durch Fachpersonal. Danach folgte eine assoziative Lernaufgabe: Die Teilnehmenden sollten drei geometrische Formen (Dreieck, Kreis, Quadrat) drei Labels zuordnen – „You“, den Vornamen der besten Freundin bzw. des besten Freundes sowie „Stranger“. Nach einer Lernphase zeigte der Bildschirm später Kombinationspaare aus Form und Label; in jedem Durchgang mussten die Teilnehmenden in einem kurzen Zeitfenster per Tastendruck entscheiden, ob die Zuordnung mit dem Gelernten übereinstimmt oder nicht. In dieser Aufgabe zeigte sich erwartbar ein Basiseffekt: Alle Teilnehmenden identifizierten Matches mit dem „You“-Label im Schnitt schneller und genauer als Zuordnungen zu „Friend“ oder „Stranger“.
Der entscheidende Befund entsteht, wenn die Fragebogenwerte berücksichtigt werden. Die Autorinnen und Autoren fanden eine klar erkennbare Abstufung: Teilnehmende mit höheren BDD-Symptomwerten waren besonders stark darin, Selbst-bezogene Paarungen korrekt zu erkennen, verglichen mit den Paarungen, die auf „Stranger“ bezogen waren. Diese Lücke in der Genauigkeit war bei den höher belasteten Personen breiter als bei denen mit niedrigeren Werten. Um zu bestätigen, dass es sich nicht um einen Zufallsbefund handelt oder um einen reinen Lernvorteil, führten die Forschenden ein zweites Experiment durch. Dieses Mal nahmen 173 Personen teil (135 Frauen, 41 Männer) im Alter von 19 bis 71 Jahren. Die Aufgabe blieb im Kern ähnlich, wurde aber härter gemacht: Die Form-Label-Paarungen wurden nur für 250 Millisekunden angezeigt, sodass die Teilnehmenden schneller verarbeiten und sich weniger auf „Nachsehen“ oder langsames Durcharbeiten verlassen konnten.
Ergänzend erhielten die Teilnehmenden zwei weitere Fragebögen: einen zur Erfassung depressiver Symptome und einen zur allgemeinen Impulsivität. Diese Kontrollvariablen sollten sicherstellen, dass Unterschiede in Lernrate oder Reaktionsgenauigkeit nicht schlicht durch Stimmungsschwankungen oder impulsives Verhalten erklärt werden können. Im zweiten Experiment zeigte sich wiederum der verstärkte Selbst-Effekt bei höheren BDD-Symptomwerten: Die Teilnehmenden waren genauer bei „You“-Matches als bei „Friend“-Matches. Auch die Reaktionszeitdaten passten dazu, allerdings mit einer spezifischen Nuance: Personen mit mehr BDD-Symptomen waren im Verhältnis überproportional schnell dabei, selbstbezogene Zuordnungen zu erkennen – sowohl gegenüber „Friend“ als auch gegenüber „Stranger“. Die zusätzlichen Fragebogenwerte lieferten dabei Hinweise, dass Depression und Impulsivität die beobachteten Verarbeitungsunterschiede statistisch nicht signifikant erklären konnten.
Die Ergebnisse deuten damit auf eine grundlegende kognitive Abweichung in der Art hin, wie Menschen mit stärkerer BDD-Belastung die Welt „einsortieren“. In Exaggerated Self-Referencing in Body Dysmorphic Disorder formulieren die Autorinnen und Autoren, dass die Selbst-Voreingenommenheit mit zunehmenden Symptomen weiter anschwillt und damit als Informationsverarbeitungs-Basis für die klinische Symptomatik relevant sein könnte. Methodisch bleibt jedoch eine wichtige Einschränkung: Da es sich um einen Online-Screening-Ansatz handelte, wurden die Teilnehmenden nicht formal als BDD-Patientinnen und -Patienten klinisch diagnostiziert. Außerdem war die Stichprobe im ersten Experiment deutlich unausgewogen nach Geschlecht, was die Übertragbarkeit einschränkt, auch wenn die verfügbaren Daten keine klaren Unterschiede zwischen den Geschlechtern in dieser Aufgabe nahelegten.
Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: Wenn die überhöhte Selbst-Priorisierung tatsächlich ein stabiler Faktor ist, könnte sich daraus ein messbarer Hebel für Therapie- und Trainingsansätze ergeben. Die Forschenden planen, dass künftige Studien untersuchen, wie sich solche Bias-Prozesse während therapeutischer Interventionen verändern und ob sich der Effekt als Verlaufsmarker eignet, wenn Symptome nachlassen. Ebenso denkbar ist, die hier verwendeten einfachen Computeraufgaben in Trainingsprogramme zu übertragen, um Aufmerksamkeit gezielt von selbstbezogenen Schleifen wegzulenken. Genau solche Brücken zwischen experimenteller Psychologie und alltagsnaher Lern- bzw. Aufmerksamkeitsarbeit machen die Arbeit für Entwicklerinnen und Entwickler von Test- und Trainingssystemen besonders interessant: Das Paradigma ist vergleichsweise simpel, aber die kognitive Mechanik ist differenziert genug, um Ansatzpunkte für personalisierte Therapiezielmessung zu liefern.
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