MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Circular Grain zeigt, wie sich Biertreber als Rohstoff für eine nahrstoffhaltige Milchalternative nutzen lässt. Das Startup aus dem Umfeld der Technischen Universität München entwickelte „Tremi“ aus einem Studierendenprojekt heraus und testete das Produkt mit rund 1.500 Verkostungsteilnehmern. In zwei Jahren führte das Team mehr als 250 Rezepturanpassungen durch und sammelte dabei über 500.000 Euro an Förder- und Investorengeldern ein. Im Kern geht es um ein umsetzbares Kreislaufprinzip für Food-Produkte – mit klarer Technikorientierung statt nur Marketing.

Circular Grain aus München macht aus einem Nebenprodukt der Bierproduktion eine Milchalternative: Das Startup entwickelt unter dem Namen „Tremi“ ein Getränk, das aus Biertreber hergestellt wird. Dahinter stehen drei Absolventinnen der Technischen Universität München, die das Unternehmen aus einem Studierendenprojekt heraus aufgebaut haben. In den vergangenen zwei Jahren brachte das Team das Konzept in den Markt durch Verkostungen mit 1.500 Teilnehmern und durchlief dabei mehr als 250 Rezepturanpassungen. Dass das nicht nur theoretisch bleibt, zeigen auch die Mittel: Laut Unternehmensangaben flossen bislang über 500.000 Euro an Förder- und Investorengeldern in die Entwicklung.
Technisch betrachtet sitzt das Spannende weniger in einer einzelnen „Geheimformel“, sondern im Engineering zwischen Ausgangsmaterial und sensorischem Ergebnis. Biertreber enthält vor allem Ballaststoffe und Reste von Proteinen, ist aber geschmacklich und funktionell nicht automatisch „milchkompatibel“. Für eine Milchalternative bedeutet das: Man muss aus der Rohstoffmatrix so etwas wie ein flüssiges, trinkbares Produktbild schaffen und zugleich Nährstoffprofile, Mundgefühl und Stabilität so einstellen, dass Verbraucher es als echte Alternative wahrnehmen. Die hohe Zahl von 250 Rezepturen innerhalb kurzer Zeit wirkt deshalb wie ein Indikator für iteratives Prozess- und Formulierungs-Testing.
Im Vergleich zu klassischer Milchproduktion setzt Tremi auf einen anderen Wertschöpfungsweg in der Lebensmittelindustrie: weg von der Konkurrenz um landwirtschaftliche Flächen und hin zu Upcycling aus bereits verfügbaren Rohstoffen. Genau diese Verschiebung adressieren Kreislaufwirtschafts- und Foodtech-Ansätze seit Jahren, allerdings waren frühere Versuche oft an Skalierung, Liefersicherheit oder Konsistenz der Rohstoffqualität gescheitert. „Biertreber“ schwankt je nach Brauprozess, und wer daraus ein standardisiertes Produkt machen will, braucht Kontrollpunkte im Prozess, etwa bei Homogenisierung, Extraktion und Produktstabilisierung. Damit wird aus der Idee eine reale industrielle Pipeline – vergleichbar mit den Herausforderungen in Biorefinery-Ansätzen.
Der Markt ist dabei nicht leer: Neben Bio- und Plant-based Marken bewegen sich auch Upcycling-Spezialisten, die ähnliche Rohstoffe erschließen. Als prominentes Beispiel wird in der Branche oft ReGrained genannt, das ebenfalls aus gebrauchten Getreidestroh- bzw. Brau- beziehungsweise Lebensmittelnebenströmen hochwertige Produkte ableitet. Der Unterschied im aktuellen Fall ist der Fokus auf einen „Milch“-Ersatz als Drink-Format, das hohe Erwartungen an Geschmack, Emulgierung und Trinkbarkeit stellt. Branchenbeobachter ordnen solche Projekte meist nicht nur nach ESG-Story, sondern nach dem Grad, in dem sie sich wie ein „reguläres“ Produkt in bestehende Lieferketten und Fertigungslogiken integrieren lassen.
Dass Circular Grain bereits früh Verkostungen mit 1.500 Teilnehmenden durchführt, ist in diesem Kontext ein Signal für datengetriebenes Produktmanagement: Geschmack und Akzeptanz sind bei Getränken besonders volatil, weil Textur und Nachgeschmack sofort auffallen. Die Zahl der Teilnehmer hilft, frühe Produktentscheidungen nicht nur im Labor zu treffen, sondern mit Rückkopplung aus echten Konsumentensituationen. Gleichzeitig verdeutlichen die über 500.000 Euro an Förder- und Investorengeldern, dass das Projekt auch außerhalb reiner Entwicklungsromantik ernst genommen wird. Solche Finanzierungsrunden sind für Foodtech-Startups typischerweise der Engpass, weil Skalierung und Qualitätsmanagement teuer sind und nicht durch ein einzelnes Pilot-Setup zu lösen sind.
Mit Blick auf Regulierung und Datenschutz liegt der Schwerpunkt bei solchen Vorhaben meist auf zwei Ebenen: Erstens auf Lebensmittelsicherheit und Kennzeichnung, etwa wenn ein Getränk als Milchalternative verkauft wird. Hier müssen Produktkategorien, Nährwertangaben und ggf. Zutatenlisten sauber definiert sein, um rechtliche Risiken zu vermeiden. Zweitens spielt der Umgang mit Testdaten eine Rolle, sobald Verkostungen systematisch ausgewertet werden, etwa über Fragebögen oder digitale Feedback-Tools. Selbst wenn es „nur“ um Geschmack geht, gilt: Werden personenbezogene Daten verarbeitet, müssen Informationspflichten, Zweckbindung und Aufbewahrungsfristen eingehalten werden. In der Praxis führt das bei Startups oft zu einem frühen Bedarf an schlanken Compliance-Prozessen.
Für die nächsten Schritte dürfte die entscheidende Frage sein, ob Tremi vom iterativen Rezepturbetrieb in einen reproduzierbaren Produktionsstandard überführt wird. Die 250 Anpassungen deuten darauf hin, dass bereits an Parametern wie Konsistenz, Sensorik und Nährstoffwirkung gearbeitet wurde; der nächste Hebel liegt jedoch häufig in Prozessstabilität und Lieferketten-Planung, also in der Fähigkeit, auch bei Schwankungen im Rohstoff gleichbleibende Ergebnisse zu liefern. Marktlich entscheidet sich das dann über Wiederkaufraten und Skalierbarkeit – und technologisch über robuste Kontrollmechanismen, die Abweichungen früh erkennen. Wenn Circular Grain diesen Übergang gelingt, entsteht ein Beispiel dafür, wie KI-unterstützte Prozessanalyse, Qualitätsmetriken und Rezeptur-Management künftig auch in der Food-Upcycling-Landschaft Standard werden können.
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