BRÜSSEL – Laut einer EU-Umfrage fühlen sich 67 Prozent der Befragten in Deutschland beim Verzehr neuartiger Lebensmittel aus tierischen Zellen oder Tierbestandteilen unwohl. Im EU-Durchschnitt liegt der Wert bei 62 Prozent. Gleichzeitig berichten 70 Prozent der Deutschen, sie fühlten sich nicht gut genug über solche Produkte informiert. Am stärksten ist die Sorge vor möglichen langfristigen, bislang unbekannten Auswirkungen auf die Gesundheit.

Die Debatte um neuartige Lebensmittel bekommt in Deutschland eine deutlich skeptische Komponente, und zwar weniger aus grundsätzlichem Fortschrittsmissfallen als aus konkreten Unsicherheiten. Besonders klar zeigt sich das bei Produkten, die aus tierischen Zellen oder Teilen von Tieren gezüchtet werden: 67 Prozent der Befragten in Deutschland geben laut einer im Auftrag der EU-Kommission erhobenen Umfrage an, dass sie sich beim Verzehr solcher Erzeugnisse unwohl fühlen würden. Im EU-Durchschnitt fällt diese Ablehnung zwar etwas geringer aus, bleibt aber mit 62 Prozent auf hohem Niveau.
Die Erhebung betrachtet dabei nicht nur eine einzelne Produktkategorie, sondern mehrere „innovative Lebensmittel“, darunter auch neuartige pflanzliche Proteinprodukte sowie Lebensmittel, die mithilfe von Mikroorganismen hergestellt werden. Interessant ist der Kontrast innerhalb der Skepsis: Bei neuartigen pflanzlichen Proteinprodukten liegt die Wohlfühlquote in Deutschland bei 50 Prozent (EU: 47 Prozent). Noch etwas höher ist sie bei Lebensmitteln aus Mikroorganismen mit 49 Prozent (EU: 46 Prozent). Besonders aufschlussreich wird der Blick auf Obst und Gemüse: Hier sind 55 Prozent der Befragten in Deutschland offen genug, sich beim Verzehr solcher Produkte wohlzufühlen, die mit modernen Techniken so entwickelt wurden, dass sie Dürre, Schädlingen oder extremem Wetter besser standhalten.
Technisch und gesellschaftlich lässt sich diese Differenz gut einordnen: Viele Menschen akzeptieren eher Lebensmittel, die als „klassische“ Grundnahrungsmittel erscheinen, deren Anbau- und Entwicklungslogik jedoch durch moderne Züchtungs- und Anbautechniken verbessert wird. Sobald dagegen die Herstellungslogik als Labor- oder Zellprozess wahrgenommen wird, steigt die psychologische Hürde. Gleichzeitig bleibt die Stimmung insgesamt eher zurückhaltend: 51 Prozent der Befragten in Deutschland haben laut Umfrage eine negative Einstellung zu innovativen Lebensmitteln, 40 Prozent eine positive. Damit weicht das Bild nur wenig vom EU-Schnitt ab; dort liegen die Werte bei 51 beziehungsweise 39 Prozent.
Trotz der Vorbehalte liefert die Umfrage auch Hinweise darauf, wo sich Akzeptanz aufbauen lässt. Ein bedeutender Anteil der Befragten sieht Vorteile für die Landwirtschaft und die Umwelt: 66 Prozent in Deutschland stimmen der Aussage zu, dass Lebensmittelinnovationen Landwirten und Herstellern zusätzliche Möglichkeiten geben können, etwa um auf Klimawandel, Schädlinge, knappe Ressourcen oder Lieferprobleme zu reagieren. Ebenso viele sehen Chancen für Forschung, Qualifikation und Arbeitsplätze in Europa (65 Prozent; EU: 70 Prozent). Das spricht dafür, dass Skepsis nicht automatisch Innovationsfeindlichkeit bedeutet, sondern häufig mit der Frage verknüpft ist, ob Nutzen und Risiken ausreichend verstanden werden.
Genau an diesem Punkt entsteht laut Erhebung das Hauptproblem: 70 Prozent der Befragten in Deutschland fühlen sich nicht gut über innovative Lebensmittel informiert (EU: 72 Prozent). Die größte Sorge betrifft dabei langfristige und bislang unbekannte Auswirkungen auf die Gesundheit. Jeder Zweite in Deutschland nennt dies als eines seiner größten Bedenken, während der EU-Wert bei 43 Prozent liegt. Gleichzeitig äußern 27 Prozent der Befragten in Deutschland die Befürchtung, solche Produkte seien stark verarbeitet oder könnten unnatürlich sein (EU: 35 Prozent). Besonders relevant für den Markterfolg ist außerdem der Wunsch nach Transparenz: 85 Prozent der Befragten in Deutschland sprechen sich dafür aus, dass innovative Lebensmittel klar bezeichnet werden und transparente Angaben zu Herstellung, Zusammensetzung und Herkunft enthalten sollten (EU: ebenfalls 85 Prozent).
Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen, die neuartige Lebensmittel entwickeln, müssen nicht nur technische Eigenschaften verbessern, sondern auch Informationsarchitektur und Erwartungsmanagement ernst nehmen. Wenn der größte Teil der Ablehnung aus fehlendem Wissen und gesundheitlichen Unsicherheiten gespeist wird, wirkt eine reine Produktkommunikation oft zu kurz. Die Umfrage wurde EU-weit mit 26.456 Menschen ab 15 Jahren durchgeführt; in Deutschland waren es 1.507 Personen, die zwischen Mai und Juni persönlich interviewt wurden. Diese Größenordnung macht deutlich, dass die Ergebnisse für Entscheider in Politik, Forschung und Industrie als Stimmungsbarometer taugen, um Prioritäten für Aufklärungskampagnen, Kennzeichnung und begleitende Studien zu setzen.
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