BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik-CEO Christian Kullmann warnt davor, dass der geplante Kohleausstieg in Nordrhein-Westfalen die Versorgungssicherheit der Industrie gefährdet. Er plädiert für eine Verschiebung des Ausstiegs und macht dafür fehlende Gaskapazitäten, Netzinfrastruktur sowie den Mangel an bezahlbarem Wasserstoff verantwortlich. Gleichzeitig fordert er, das deutsche Klimaneutralitätsziel von 2045 auf 2050 zu verschieben, um die Wettbewerbsfähigkeit zu schützen. Die Debatte trifft unmittelbar Unternehmen, die im Energiemarkt eng getaktete Planung brauchen.

Evonik-CEO Kullmann fordert Verschiebung von Kohleausstieg und Klimaziel
Evonik-CEO Kullmann fordert Verschiebung von Kohleausstieg und Klimaziel (Foto: IT BOLTWISE)
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Evonik-CEO Christian Kullmann bringt die Energie- und Industriestrategie in Deutschland erneut in Bewegung: Der Chemiekonzern argumentiert öffentlich, dass ein zu schneller Kohleausstieg die Versorgungssicherheit gefährdet. In seinem Appell für Nordrhein-Westfalen steht weniger die Dekarbonisierung an sich im Mittelpunkt, sondern der Zeitpunkt. Kullmann macht geltend, dass die Industrie derzeit nicht darauf vertrauen könne, dass ausreichend steuerbare Strom- und Leistungskapazitäten rechtzeitig verfügbar sind. Damit verschiebt sich die Debatte von der Frage „ob“ hin zu „wann“ und „unter welchen Netz- und Brennstoffbedingungen“ die Energiewende für energieintensive Prozesse machbar bleibt.

Technisch betrachtet läuft der Kernkonflikt auf eine Leistungslücke hinaus: Strom für die Grundlast, Prozessdampf und bestimmte Wärmeklassen müssen auch dann verfügbar sein, wenn erneuerbare Quellen schwanken. Kullmann verweist darauf, dass es an Gaskraftwerks-Kapazitäten fehle, um Versorgungslücken zu schließen. Dazu kommt die Verlässlichkeit der Netze, also Übertragungs- und Verteilnetze, die zusätzliche Einspeisung aus Wind und Photovoltaik verkraften müssen. Wer Netzausbau und Kraftwerksplanungen zeitlich auseinanderlaufen lässt, riskiert Engpässe, Preisspitzen und Lastabschaltungen – besonders belastend für Chemieanlagen mit hohen Fixkosten in der Produktion.

Damit bettet Kullmann seine Position in aktuelle Gesetzgebung ein. Im Dezember 2022 hat der Bundestag ein Gesetz beschlossen, das den vorzeitigen Stillstand mehrerer Braunkohleblöcke für das Jahr 2030 vorsieht statt wie ursprünglich bis 2038. Gleichzeitig existiert eine Revisionsklausel: Die Bundesregierung kann bis zum 15. August entscheiden, ob und in welchem Umfang betroffene Anlagen in eine Reserve überführt werden. Genau diese Reserve-Entscheidung kann spürbar werden, weil sie die Erwartung im Strommarkt prägt – und Erwartungen wirken direkt auf Investitionen, Risikoprämien und längerfristige Beschaffungsstrategien. Für die energieintensive Industrie ist das letztlich eine Frage der Planbarkeit.

Parallel bewegt der politische Prozess auch die Gas- und Ausbauagenda: Der Bundestag hat den Plan zum Bau neuer Gaskraftwerke gebilligt, um den Kohleausstieg zu begleiten und den Ausbau erneuerbarer Energien abzufedern. In der Marktwirkung konkurrieren damit zwei Pfade: Der eine setzt auf raschen Ersatz durch erneuerbare und Speicherkapazitäten, der andere auf zusätzliche steuerbare Kapazitäten mit Gas als Übergangslösung. Vergleichbare Überlegungen treiben in Europa auch andere Energieunternehmen um; RWE und E.ON positionieren sich in ihren Dekarbonisierungs- und Ersatzstrategien jeweils mit Blick auf Systemstabilität und Netzausbau. Branchenanalysten sehen in solchen Entscheidungen vor allem einen Taktgeber: Wer zu früh abschaltet, zwingt die Industrie in Preisschocks; wer zu lange wartet, erhöht den Reformdruck. Beides wirkt auf die industrielle Wettbewerbsfähigkeit.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der „Zukunft der Brennstoffe“: Kullmann nennt fehlenden bezahlbaren Wasserstoff als Bremse. Damit spricht er ein Thema an, das über die Stromerzeugung hinausgeht – nämlich die Frage, wie Prozesschemie, Dampf- und Hochtemperaturbedarfe perspektivisch klimafreundlich gedeckt werden. Wasserstoff ist nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit, sondern auch der Kostenkurve entlang von Elektrolysekapazitäten, Importlogistik und Infrastruktur. Solange diese Kurve nicht schnell genug sinkt, bleibt der Umstieg auf emissionsarme Alternativen für viele industrielle Pfade wirtschaftlich schwierig. Genau deshalb argumentiert Kullmann, dass Kohle für bestimmte Zeitabschnitte – mindestens bis 2033 – gebraucht werde; je nach Rahmenbedingungen könne die Spanne länger ausfallen.

Auch beim Klimaneutralitätsziel setzt Evonik auf eine Verschiebung: Kullmann fordert, das Ziel von 2045 auf 2050 zu datieren. Der Grund lautet laut seiner Darstellung, Wettbewerbsnachteile für die deutsche Industrie zu vermeiden. Die Argumentationslinie knüpft an ein ökonomisches Prinzip an: Wenn die Produktionsstandorte durch strengere Zeitpläne unter Druck geraten, können Emissionen lokal sinken, während Produktion andernorts entsteht. Für Investoren ist das relevant, weil Zeitpläne nicht nur CO2-Risiken, sondern auch Technologie- und Umbau-Risiken strukturieren – etwa in Form von Capex-Bedarfen, Abschreibungszyklen und Lieferkettenumstellungen. Marktseitig wird damit zugleich die Frage stärker, wie verlässlich Roadmaps zwischen Politik, Energieversorgern und Industrieplanung synchronisiert werden können.

Ein besonders sensibler Punkt in der Debatte ist die Verknüpfung von Klimapolitik und Industriepolitik mit Blick auf Verantwortung und Wirkung. Kullmann argumentiert, Deutschland trage global gesehen nur einen begrenzten Anteil an den CO2-Emissionen bei; dadurch könne eine spätere Zielmarke die weltweite Klimawirkung geringer beeinflussen als die unmittelbare Belastung der heimischen Unternehmen. Genau diese Abwägung spaltet die Diskussion: Klimaschutzziele gelten vielen Akteuren als Sicherheitsnetz, das Transformationsinvestitionen frühzeitig anstößt. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass ohne ausreichende Energieinfrastruktur und Brennstoffalternativen selbst gut gemeinte Ziele zu Kostentreibern werden. Insofern treffen hier nicht nur Fakten, sondern auch Interpretationen darüber, wie schnell die erforderlichen Systemkomponenten skalieren.

Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, wie die Bundesregierung die Reservefrage im Kontext der Braunkohleblöcke beantwortet und wie parallel der Kraftwerks- und Netzausbau konkret getaktet wird. Das betrifft nicht nur Stromproduzenten, sondern auch die Industrie: Chemieunternehmen planen entlang von Absatz, Rohstoffverfügbarkeit und Energiepreisrisiko. Wenn Kapazitätslücken durch Reserveentscheidungen oder Verzögerungen entstehen, steigen die Notwendigkeit von Absicherungsstrategien und die Komplexität für langfristige Energieverträge. Zukünftige Entwicklung impliziert damit vor allem zwei Dinge: Erstens wird Energie-Portfolio-Management in Industrieunternehmen stärker in Richtung Systemintegration und Risikoaggregation ausgebaut werden. Zweitens wird die Wasserstoff- und Netzinfrastruktur vom politischen „Absichtssignal“ zu messbaren Projekt- und Betriebskenngrößen übergehen müssen, damit Dekarbonisierung nicht nur strategisch, sondern auch operativ funktioniert.


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