KIEW / LONDON (IT BOLTWISE) – CERT-UA meldet eine neue Kampagne, in der Angreifer mit gefälschten CAPTCHA-Checks kompromittierte Webseiten in die Abwehr umleiten. Betroffene sollen über eine scheinbar harmlose Anweisung einen PowerShell-Befehl ausführen, der weitere Malware nachlädt. Zusätzlich nutzt die Kampagne Cloaking-House-ähnliche Traffic-Filter und eine EtherHiding-Technik, um CAPTCHA-Inhalte dynamisch einzubetten. Parallel finden sich Android-Backdoors in über Messenger getarnten APKs, die Kontakte, Dateien und Geodaten exfiltrieren können.

Fake-CAPTCHAs in PowerShell-Angriffen: CERT-UA warnt vor Malware-Ketten
Fake-CAPTCHAs in PowerShell-Angriffen: CERT-UA warnt vor Malware-Ketten (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Warnung von CERT-UA zeichnet ein eher untypisches, aber in der Praxis effizientes Bild: Statt sich nur auf klassische Drive-by-Downloads zu verlassen, werden Opfer über kompromittierte Webseiten gezielt in Interaktionen gedrängt. Der Einstiegspunkt ist ein gefälschter CAPTCHA-Check, der auf manipulierten Seiten erscheint und Nutzer dazu anleitet, im Terminal einen konkreten PowerShell-Befehl auszuführen. Genau diese „Hands-on“-Komponente erhöht die Trefferquote, weil sie sowohl menschliche Aufmerksamkeit als auch häufig installierte Windows-Toolchains (PowerShell) ausnutzt. Laut CERT-UA wurden der Kampagne zwischen Juni und Juli 2026 mindestens rund zehn kompromittierte Websites zugerechnet.

Technisch betrachtet ist die Kette darauf ausgelegt, aus einem Web-Trigger in kurzer Zeit mehrere Malware-Komponenten nachzuladen und zu verschleiern. Die Ermittler beschreiben, dass der PowerShell-Befehl etwa auf das Herunterladen und Ablegen einer VBS-Datei in ein Start-up-Verzeichnis abzielen konnte. Darüber hinaus taucht ein PowerShell-Skript namens SCOUTCURL auf, das als erste Stufe eine rudimentäre Reconnaissance durchführt und Informationen über das kompromittierte System sammelt. Danach folgen Loader-Komponenten: FLUIDLEECH und LOADLOOP. FLUIDLEECH wird dabei zusätzlich als „getarnt“ beschrieben, um das Entfernen von Viren zu imitieren. So wird die Bühne für spätere Backdoor-Aktivität frei.

Besonders auffällig ist die Web-Seitebene, weil sie die CAPTCHA-Anmutung bewusst gegen Nutzer ausspielt. Neben einem Cloaking-Ansatz, bei dem je nach Besucher unterschiedliche Seiteninhalte angezeigt werden, kam ein Tool namens SMARTAXE zum Einsatz, um den CAPTCHA-Content dynamisch zu variieren. Um CAPTCHA-Elemente in die Weblogik einzubetten, nutzt die Kampagne die EtherHiding-Technik: Dabei wird über einen Ethereum Smart Contract der Domainname einer entfernten Ressource ausgelesen, der in die Webseite eingebracht wird. Für die Verteidigung bedeutet das: Selbst wenn ein statischer Content-Scan im Browser nur „harmlos“ wirkende CAPTCHA-Markup-Fragmente findet, kann die eigentliche Lade- oder Weiterleitungslogik zur Laufzeit aus einer Blockchain-Referenz zusammengesetzt werden.

Im nächsten Schritt werden die Backdoor-Funktionalität und die Datenausleitung konkret. Die Analysen nennen unter anderem FREAKYPOLL als Backdoor, die in Python umgesetzt ist. Dazu kommt, dass die Malware-Familien offenbar auf mehreren Endpunkten koordiniert werden: Ein zentraler Upload-/Exfil-Kanal nutzt die Dropbox-Cloud-Service-API. Dabei sendet der Schadcode Dateien an einen externen Empfänger, während Befehle oder weitere Daten entweder von einem Command-and-Control-Server oder über legitime Plattformen wie steamcommunity[.]com bezogen werden. Solche „Lebensraum“-Strategien machen Netzanomalien schwerer eindeutig zuzuordnen, weil das Verkehrsprofil teilweise an bereits etablierte Web- und Cloud-Muster erinnert.

Für Android zeigt CERT-UA parallel eine zweite Eintrittsschiene: Angreifer verbreiten APK-Dateien über Messenger, getarnt als Sicherheits- oder Bereinigungstools. Die im APK verborgene Payload ist eine voll funktionsfähige Backdoor mit dem Namen COWARDDUCK. Diese sammelt verdeckt Kontakte und exfiltriert Dateien mit spezifischen Endungen wie.conf, .json, .ovpn, .txt, .doc, .docx, .xls, .xlsx, .pptx sowie komprimierte Archive.zip und.rar. Zusätzlich wird eine Echtzeit-Geolokalisierung erfasst. Bemerkenswert ist auch die zielgerichtete Ordnerauswahl, unter anderem DCIM, Documents, Downloads, Images und Alarms. Damit wird aus „Mobilgerät als Randnotiz“ schnell ein ernstzunehmender Baustein für das Gesamtangriffsziel.

Markt- und Wettbewerbsseite: In der Praxis konkurrieren solche Angriffsvektoren mit Bot-Schutz- und Anti-Fraud-Lösungen, die häufig auf challenge-response basieren. Dienste wie Cloudflare Turnstile oder auch hauseigene Enterprise-Bot-Management-Systeme setzen typischerweise auf Reputation, Verhaltenstests und dynamische Risiko-Scores statt nur auf ein „Captcha-OK/Not OK“. Der Angriff zeigt jedoch, dass Angreifer gerade dann profitieren, wenn Nutzer ihre Interaktion als „Pflichtschritt“ verstehen und eine angezeigte Challenge mit einer Ausführung im Betriebssystem verknüpfen. Für Unternehmen heißt das: CAPTCHAs können Teil einer Schutzstrategie sein, ersetzen aber weder Endpoint-Hardening noch eine sichere Web-Policy, die PowerShell-Execution und verdächtige Skriptketten auf der Client-Seite begrenzt.

Aus regulatorischer und datenschutzrechtlicher Sicht ist die Kombination aus Kontakt-, Dateiexfiltration und Geodaten besonders sensibel. Sobald reale Standortdaten und personenbezogene Inhalte betroffen sind, rückt im europäischen Kontext schnell die Frage der Rechtsgrundlagen und der Betroffenenrechte in den Vordergrund; zusätzlich stehen Incident-Meldepflichten und Nachweisanforderungen im Raum. Gerade weil der Datentransfer über eine Cloud-API läuft, können Log- und Datenflussszenarien in der forensischen Aufarbeitung komplexer werden: Unternehmen müssen dokumentieren, welche Daten zu welchem Zeitpunkt wohin gingen, und wie lange diese Zugriffe protokolliert wurden. Eine reine „Datei gelöscht“-Strategie reicht damit nicht; es braucht ein sauberes Incident-Response-Playbook, das Web-Einstiegspunkte und Endpoint-Aktivitäten zusammenbringt.

Der Ausblick fällt damit klar aus: Die nächste Welle solcher Kampagnen dürfte weniger auf einzelne Exploits setzen als auf orchestrierte Ketten über Browser, Skripting und Cloud-Kanäle. Für Entwickler und Security-Teams bedeutet das, dass Kontrollen auf mehreren Ebenen zusammenwirken müssen. Auf der Web-Seite sollten dynamische Content-Manipulationen und Challenge-Hijacking genauer überwacht werden; auf dem Endpoint gilt, dass PowerShell- und Script-Ausführungen granular geregelt werden müssen, etwa über Applocker/WDAC, Logging und egress-Policies. Besonders wichtig wird zudem die Segmentierung von Android-Ökosystemen in Unternehmensumgebungen, damit getarnte APKs gar nicht erst installieren können. Angesichts der bereits beobachteten Loader- und Backdoor-Varianten ist zu erwarten, dass sich die Malware-Module weiter modularisieren und so schneller auf neue Umgebungen anpassen.


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