LONDON (IT BOLTWISE) – JPMorgan setzt für Bitcoin-Preisbewegungen eine zentrale Marke: geschätzte Produktionskosten um 85.000 US-Dollar als „soft floor“. Der Kurs lag lange Zeit unter diesem Niveau und drückte damit die Profitabilität vieler Miner. Kurzfristige Entlastung kam, als der Preis auf rund 87.000 US-Dollar anstieg. Entscheidend bleibt, ob Hashrate und Miner-Verkäufe stabil genug sind, damit die Entspannung nicht sofort wieder kippt.

Die Diskussion um den „richtigen“ Bitcoin-Preis bekommt wieder einen handfesten Bezug: JPMorgan verweist auf Produktionskosten von rund 85.000 US-Dollar als eine Art Marktunterkante für Miner. Der Punkt ist dabei nicht akademisch. Wenn ein erheblicher Teil der Netzinfrastruktur für längere Zeit unterhalb seiner eigenen Wirtschaftlichkeit arbeitet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kapazitäten abgeschaltet oder Assets aus Liquiditätsgründen verkauft werden. Laut JPMorgan verbrachte der Markt 280 Tage unter dieser Kostenlinie, was die Phase der Ertragslosigkeit für viele Betreiber deutlich verlängerte. Der Effekt zeigt sich oft verzögert: Auch wenn der Kurs einzelne Tage später anzieht, dauert es, bis Stromverträge, Hardware-Standzeiten und die Eigenstrategie der Miner die neue Realität abbilden.
JPMorgan argumentiert in einer Notiz vom 23. September, der geschätzte Produktionsaufwand bilde eine „soft floor“-Zone. Zu diesem Zeitpunkt lag Bitcoin bei 85.795 US-Dollar und damit knapp über einer vom Institut kalkulierten Mining-Cost-Basis von 84.948 US-Dollar. Für das Verständnis der Dynamik ist diese Nähe entscheidend: In einem System, in dem die Erträge stark mit dem jeweiligen Energiepreis, der Netzleistung und der Schwierigkeit gekoppelt sind, bedeutet ein nur kleiner Puffer, dass selbst kurzfristige Kosten- oder Effizienzschocks sofort auf die Profitkennzahlen durchschlagen. Genau darauf verweist auch die Verlängerung der Durststrecke: Der Zeitraum unterhalb der Kostenmarke sei länger gewesen als die rund 224 Tage dauernde Mining-Abschwächung im Jahr 2018. Parallel dazu ging die Hashrate um etwa 19% vom Oktober-Hoch zurück, während die Mining-Schwierigkeit nur um rund 15% nachgab. Diese Kombination ist ein typisches Bild für eine bereinigende Phase, in der zuerst die teuren Kapazitäten vom Netz verschwinden, während die Schwierigkeit dem Trend zeitverzögert folgt.
Technisch übersetzt sich das in eine Verschiebung der Kostenkurve innerhalb des Mining-Ökosystems. Höherkostige Miner schalteten Maschinen ab, zogen ältere Rig-Generationen aus dem Betrieb und suchten nach günstigeren Stromquellen. Solche Entscheidungen sind nicht nur „Marketing“, sondern direkt messbar über die Netzkennzahlen: Weniger installierte Rechenleistung senkt die Hashrate, und damit verändert sich die Wahrscheinlichkeit, Blöcke zu finden. Gleichzeitig wirkt eine sinkende Hashrate dämpfend auf die Schwierigkeit, damit das Netzwerk das Zieltempo beibehält. Auffällig in der JPMorgan-Einschätzung ist zudem der Hinweis, dass ein Teil der Kapazität Richtung KI-Workloads umgelenkt wurde. Diese Entkopplung von Mining und Rechenzentrum kann den Druck im jeweiligen Markt reduzieren, verschiebt aber auch die Frage, wie schnell Kapazitäten wieder zurückkommen, falls die Bitcoin-Erträge wieder klar über die individuellen Kosten steigen.
Auch bei den Kapitalflüssen bleibt die Lage ambivalent. JPMorgan stellt dem Bild einer nachlassenden Not-Verkäufe Daten zu Miner-to-Exchange-Flows gegenüber: Die stärkste Verkaufswelle habe es im Februar gegeben, als Miner-zu-Börsen-Transfers nahe an 24.000 BTC heranreichten. Später fielen die Peaks deutlich ab, etwa auf rund 12.400 BTC im Juni, 13.500 BTC im August und etwa 10.000 BTC während des September-Rallies über 85.000 US-Dollar. Das stützt die Schlussfolgerung, dass erzwungener Verkauf weniger dominierend ist. Allerdings zeigt das Muster auch: Wenn Bitcoin wieder steigt, verlagern Miner weiterhin Coins auf Exchanges. Transfers bedeuten nicht automatisch sofortige Marktverkäufe, liefern aber einen Hinweis darauf, dass höhere Preise als Liquiditätsfenster funktionieren – oder dass Miner zumindest über kurzfristige Cash-Optionen verfügen wollen. Für Marktteilnehmer ist das wichtig, weil genau diese Grenzphase häufig zu scharfen Volatilitätsausschlägen führt, sobald die Liquidität in den relevanten Handelsphasen abnimmt.
Die Erholung bleibt nach Angaben aus dem Marktumfeld außerdem fragil, weil sie sich nicht vollständig in den nachhaltigsten Leistungsmetriken stabilisiert. In den Hash-Ribbons-Analysen wird ein ähnliches Bild beschrieben: Die 30-Tage-Hashrate-Schnittwerte seien von etwa 1.105 EH/s gegen Ende 2025 auf 895 EH/s im August gefallen. Danach habe sich die Kennzahl zwar erholt, auf ungefähr 947 EH/s, allerdings liege sie nur knapp über dem 60-Tage-Durchschnitt von rund 943 EH/s. Der Abstand von unter 0,5% ist dabei ein Signal, dass der Trend noch keinen klaren Puffer aufgebaut hat. Wenn Kosten erneut steigen oder die Netzkennzahlen kurzfristig kippen, kann die Kurve sehr schnell wieder zurück in die „unangenehme“ Zone drehen. JPMorgans Einordnung passt in dieses Bild: Mit Bitcoin derzeit rund 2,4% unter den geschätzten Produktionskosten kehrt der Markt an die Linie zurück, aus der er gerade erst herausragte.
Für die Praxis bei Unternehmen und IT-Entscheidern ist das vor allem eine Frage der Planbarkeit. Mining ist in der heutigen Form längst nicht mehr nur ein Spezialfall für Krypto-Enthusiasten, sondern ein harter Stresstest für Energieverträge, Hardware-Refresh-Zyklen und die Fähigkeit, flexibel zwischen Workloads zu wechseln. Wenn Miner-Verkäufe bei steigenden Kursen zwar weniger „in Panik“ wirken, aber weiterhin systematisch Exchanges ansteuern, heißt das: Die Liquiditätskurve bleibt dynamisch, während die Netzhardware weiterhin unter Kostendruck steht. Gleichzeitig eröffnet die Verschiebung in Richtung KI-Workloads eine strategische Option für Betreiber, die nicht ausschließlich von Bitcoin-Preis-Sprints abhängen wollen. Insgesamt deutet die JPMorgan-Perspektive darauf hin, dass die 85.000-US-Dollar-Region als ökonomische Referenzmarke kurzfristig mehr Gewicht bekommt als reine Charttechnik – und dass eine echte Entspannung erst dann wahrscheinlicher wird, wenn sich sowohl Hashrate-Trend als auch die Selling-Muster über mehrere Wochen beruhigen.
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