LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche rechnet mittelfristig mit sinkenden Strompreisen, jedoch nicht kurzfristig. Das Kabinett bringt dafür eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und ein Netzpaket auf den Weg. Ziel ist, die Energiewende kosteneffizienter zu machen, Netzausbau gezielter zu steuern und eine stärkere Marktkomponente statt langlaufender Dauerförderung zu etablieren. Reiche nennt als Zeitraum vor allem die 2030er Jahre und setzt zugleich auf günstiger beschafftes, langfristig und diversifiziertes Gas.

Reiche will EEG und Netze reformieren: weniger Dauerförderung, sinkende Preise ab 2030
Reiche will EEG und Netze reformieren: weniger Dauerförderung, sinkende Preise ab 2030 (Foto: IT BOLTWISE)
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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche stellt die Strompreisdiskussion auf eine konkrete Zeitachse: spürbare Entlastungen erwartet sie laut eigenen Angaben erst in den 2030er Jahren. Damit reagiert sie auf den politischen und gesellschaftlichen Druck, der sich vor allem aus stark schwankenden Energiepreisen und aus den Kostenblöcken der Netzentgelte speist. In ihrem Argumentationsstrang gehört dazu auch die Frage, ob die Energiewende aktuell vor allem administrativ gesteuert wird – oder ob sie so gestaltet ist, dass Investitionen, Ausbau und Systemkosten langfristig zusammenpassen. Reiche verknüpft beides: Sie will den Umbau energiewirtschaftlich beschleunigen, aber zugleich die Belastung für Haushalt und Unternehmen begrenzen.

Im Kern adressieren die geplanten Reformschritte zwei Hebel: das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und ein Netzpaket. Reiche beschreibt die aktuelle Kostenlogik als Folge steigender Energiepreise, die den Standort Deutschland belasten, und ergänzt, dass dabei auch Belastungen für den Bundeshaushalt entstehen. Als Größenordnung nennt sie, dass der Bund heute für die EEG-Förderung 17 Milliarden Euro ausgibt, mit steigender Tendenz. Ohne Kurskorrektur würde die fiskalische Last ihrer Darstellung nach weiter wachsen, unter anderem weil frühere Förderentscheidungen über sehr lange Zeiträume wirken. Die Reform soll deshalb stärker auf Marktmechanismen und weniger Dauerförderung hinauslaufen.

Technisch und wirtschaftlich setzt die EEG-Neuausrichtung vor allem am Förderdesign an. Reiche kündigt an, dass die Idee eines „Förderbergs“ über viele Jahre abgebaut werden müsse, und sie betont gleichzeitig: Entscheidend sei, zu verhindern, dass dieser Berg erneut stark anwächst. Konkret nennt sie als Zieljahr das Jahr 2027, in dem das EEG kosteneffizienter sein soll. Ein Beispiel ist die geplante Änderung für neue Solaranlagen: Ab 2027 sollen Anlagen unter 25 Kilowatt installierter Leistung – vor allem kleine Dach-Photovoltaik – keine dauerhafte Förderung mehr erhalten. Damit würde sich die Förderlogik weg von langfristigen Zahlungsströmen hin zu Investitionsentscheidungen verlagern, die stärker durch Marktbedingungen getragen werden.

Beim Netzpaket dreht sich die Debatte um einen Punkt, der in der Praxis häufig zu Kostenstrukturen führt, die sich politisch schwer erklären lassen: Auch Strom aus erneuerbaren Anlagen, der wegen Netzengpässen nicht genutzt werden kann, wird dem bisherigen Prinzip nach ebenso vergütet wie tatsächlich eingesetzter Strom. Reiche beschreibt dieses Grundprinzip als Besonderheit, die es in dieser Form in anderen Märkten nicht gebe, und kündigt an, dass man sich Schritt für Schritt davon lösen wolle. Parallel ordnet sie die Netzentgelte als zentralen Kostentreiber ein: Der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie der gesetzliche Anspruch auf Netzanschlüsse – unabhängig davon, wo die Anlagen entstehen – habe in vielen Fällen einen Netzausbau erzwungen, der nicht rechtzeitig in dem Tempo realisierbar gewesen sei. Künftig soll der Ausbau stärker dorthin gelenkt werden, wo bereits Netzkapazitäten vorhanden sind oder das Netz den zusätzlichen Strom aufnehmen kann; insbesondere nennt sie dabei Windenergie und Freiflächen-Photovoltaik. Das soll unnötigen Netzausbau vermeiden und das Gesamtsystem effizienter machen.

Die Frage, wann Verbraucher wirklich niedrigere Preise sehen, beantwortet Reiche zweistufig. Kurzfristig erwartet sie keine Entlastung, mittelfristig aber „sinkende Preise“. Um das zu begründen, verweist sie auf zwei Faktoren: Erstens sollen die alten EEG-Förderzusagen bestehen bleiben, zweitens sei das Netz zwar bisher auf eine Anschlusskapazität von 100 Prozent ausgelegt worden, in der Realität aber offenbar selten erreicht. Das Netzpaket soll demnach helfen, Netzausbaukosten zu senken; dieser Effekt brauche allerdings Zeit. Als wichtigen zusätzlichen Hebel nennt sie den Gaspreis: Wenn Gasimporte günstiger eingekauft werden können, sinken auch die Kosten der Stromerzeugung. Deshalb sei es aus ihrer Sicht entscheidend, Gas langfristig, diversifiziert und zu verlässlichen Konditionen preisgünstig zu beschaffen, damit Preisschwankungen nicht unmittelbar durchschlagen.

Auch die wirtschaftliche Wirkung der Neuausrichtung wird in der Debatte bereits aufgenommen. Industrieverbände hätten die Neuausrichtung begrüßt; Reiche bezieht sich dabei auf Kritik, die die Energiewende zu lange auf „ungezügeltes Wachstum“ der Erneuerbaren reduziert sah. Dass hohe Systemkosten dem Standort Deutschland nahezu die höchsten Stromkosten unter den Industrieländern beschert hätten, wird im gleichen Kontext als Wettbewerbsschnittstelle beschrieben. Für die Unternehmen ist dabei weniger die einzelne Technologie entscheidend als die Kombination aus Planbarkeit, Kostenpfaden und der Frage, wie schnell Netze nachziehen müssen. Reiche versucht, die Brücke zu schlagen, indem sie betont, dass das Gesetz Investitionsmöglichkeiten und ein verlässliches Umfeld schaffen soll.

Gleichzeitig bleibt die Reform politisch umkämpft. Reiche adressiert Kritik aus dem Umfeld der Grünen, aus Verbänden der erneuerbaren Energien sowie aus Umweltverbänden, wonach die Energiewende durch die Pläne ausgebremst werde. Genannt werden dabei vor allem Befürchtungen, die Ausbauziele seien faktisch nicht erreichbar, und warnende Positionen, die bis zu einem möglichen Ausbaustopp reichen. Reiche hält dagegen: Sie nehme die Kritik aus der Branche ernst, gleichzeitig seien ihrer Ansicht nach viele Einwände nicht nachvollziehbar, weil das Gesetz Investitionsperspektiven biete. Zur Umsetzung nennt sie außerdem eine präzise Richtungsangabe für den Netzausbau: Die Windbranche könne mit der Novelle mehr als die ursprünglich geplante zusätzliche Ausbauleistung erreichen, gleichzeitig würden klare Signale gesetzt, wo dieser Ausbau stattfinden soll – dort nämlich, wo ausreichend Netzkapazitäten vorhanden sind. Sie verweist dabei darauf, dass das bei mehr als 90 Prozent der deutschen Umspannanlagen der Fall sei, auch in Windvorranggebieten. Für die Praxis bedeutet das: Der Engpass wird nicht allein durch neue Erzeugung adressiert, sondern durch eine bessere Abstimmung zwischen Standortplanung und Netzreserven.


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