LAUSANNE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus Lausanne zeigt, dass das Gehirn im REM-Schlaf externe Geräusche nicht einfach abschaltet. Stattdessen verschiebt es seine Signalverarbeitung schrittweise in Richtung innerer Herzsignale. Die Forschenden messen das mit einem sogenannten Audio-Cardio-Index, der als Marker für veränderte Bewusstseinszustände dienen kann. Besonders relevant ist das, weil sich bei nicht ansprechbaren Patientinnen und Patienten oft keine Verhaltenstests durchführen lassen.

REM-Schlaf: Gehirn priorisiert Herzsignale statt Umgebungsgeräusche
REM-Schlaf: Gehirn priorisiert Herzsignale statt Umgebungsgeräusche (Foto: IT BOLTWISE)
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Im REM-Schlaf wirkt es auf den ersten Blick wie „Abschalten“: Das Gehirn ist aktiv, aber von der Außenwelt scheint es kaum noch etwas mitzubekommen. Die neue Arbeit aus Lausanne und in Kooperation mit der Universität Genf liefert dafür nun eine mechanistische, messbare Erklärung – und zwar ohne dass die Sinnesverarbeitung generell kollabiert. Stattdessen reorganisiert das Gehirn seine Prioritäten. Sobald die Probandinnen und Probanden in die REM-Phase übergehen, nimmt die Verarbeitung externer auditiver Eingänge ab, während die Verarbeitung interner, körperbezogener Signale wie der Herzaktivität zunimmt.

Technisch interessant ist vor allem, wie diese Umschichtung sichtbar gemacht wird: Das Team hat mit High-Density-EEG (Elektroenzephalografie) untersucht, welche neuralen Antwortmuster auf wiederholte auditive Reize und auf Herzschläge entstehen. Auditive evoked potentials (AEPs) dienen dabei als Proxy für Exterozeption, also die Verarbeitung von Signalen aus der Umwelt. Heartbeat evoked potentials (HEPs) spiegeln dagegen Interozeption wider, also die Verarbeitung des inneren Körperzustands. Das Muster ist konsistent: Von der Wachheit über den tonischen REM bis zum phasischen REM sinken die AEP-Antworten, während die HEPs erhalten bleiben und im Vergleich zur Wachheit sogar stärker werden.

Diese Differenzierung zwischen tonischem REM und phasischem REM ist der Kern, weil REM nicht als einheitlicher Zustand existiert. Phasisches REM ist unter anderem durch schnelle Augenbewegungen und Muskelzuckungen erkennbar und geht mit einer maximalen Abkopplung von externen Stimuli einher. Tonisches REM liegt dazwischen: zwischen Wachheit und dem vollständigen „Sensory Gating“ findet ein gradueller Übergang statt. Genau diesen Verlauf nutzt die Studie, um zu zeigen, dass sich die sensorische Disconnection nicht als plötzlicher Schalter verhält, sondern als kontinuierliche Neugewichtung der Informationsströme. Wenn die Reizweiterleitung von außen weiter nachlässt, „dreht“ das Gehirn den Fokus nach innen – nicht als komplette Unterdrückung sämtlicher Verarbeitung, sondern als gezielte Umsortierung.

Um diese Balance nicht nur qualitativ, sondern quantitativ auszudrücken, führen die Autorinnen und Autoren einen Audio-Cardio-Index ein. Formal handelt es sich um ein Verhältnis, das die Stärke der neuronalen Antworten auf auditive Reize ins Verhältnis zu den Antworten auf Herzschläge setzt. In den Daten fällt dieser Index über die Vigilanzzustände hinweg systematisch ab: Wachheit startet mit einer audio-dominierten Verarbeitung, phasisches REM endet in einer klar kardio-orientierten Phase, und tonisches REM liegt dazwischen. Damit entsteht ein physiologischer Marker, der den exterozeptiv-interozeptiven Shift als Verlauf abbilden kann – und zwar als Antwortmuster, das nicht zwingend von Verhalten abhängt.

Für die klinische Perspektive wird das besonders spannend, weil sich Bewusstseinszustände bei manchen Patientengruppen schwer über Verhaltenstests erfassen lassen. Die Arbeit nennt in diesem Zusammenhang Konstellationen wie Koma oder minimal bewusste Zustände. Der Ansatz setzt darauf, dass der Audio-Cardio-Index die Richtung der zentralen Gewichtung zeigt, auch wenn die betroffene Person nicht zuverlässig „antwortet“. Überträgt man das in den Praxisalltag, könnte so eine objektivere Einordnung möglich werden, die nicht allein an Blicken, Bewegungen oder verbalen Reaktionen hängt. Wichtig bleibt dabei jedoch: Ein Biomarker ist nur dann belastbar, wenn er in unabhängigen Datensätzen robust funktioniert und sich in klinischen Messbedingungen sauber reproduzieren lässt.

Auch technologisch lässt sich aus der Studie eine Brücke zu typischen KI- und Signalverarbeitungsfragen in der Neurologie schlagen: EEG-Daten sind hochdimensional, enthalten Artefakte (etwa durch Augenbewegungen oder Muskelaktivität) und erfordern sorgfältige Auswertungspipelines. Der Audio-Cardio-Index wirkt zwar als relativ einfach interpretierbares Verhältnis, das zugrunde liegende Messproblem bleibt aber datengetrieben. Genau hier könnten Methoden des Machine Learnings helfen, robuste Potenzialschätzung, Artefaktunterdrückung und Zustandsklassifikation zu verbessern, ohne den physiologischen Kern der Arbeit zu verlieren. In Summe zeigt die Studie, dass sich das Gehirn im REM-Schlaf nicht „stilllegt“, sondern seine Informationsverarbeitung zielgerichtet auf die biologisch relevanten Signale der Innenwelt ausrichtet.

Für die Forschung öffnet der Befund zudem eine größere Frage: Welche Mechanismen im Gehirn steuern dieses Audio-gegen-Cardio-Umschalten – und wie hängt das mit den bekannten REM-typischen Netzwerkkonfigurationen zusammen? Die Daten unterstützen jedenfalls die Idee eines abgestuften „Sensory Gating“, das über die REM-Mikrostates hinweg variiert. Für Unternehmen und Entwickler im MedTech-Umfeld ist das ein Signal, dass physiologische Indizes, die interozeptive und exterozeptive Signalanteile gegeneinander messen, als Grundlage für neue Monitoring-Tools taugen könnten. Besonders relevant wird das, wenn solche Indizes später nicht nur für gesunde Probandinnen und Probanden, sondern auch für heterogene klinische Populationen validiert sind.


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