BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutschlands Arbeitgeber und Gewerkschaften liefern sich einen Schlagabtausch um mögliche Änderungen beim Arbeitszeitgesetz. DGB-Vize Stefan Kӧrzell warnt davor, den Acht-Stunden-Tag auszuhöhlen, und verweist auf steigende Unfallrisiken bei längeren Schichten. Bundeskanzler Friedrich Merz rechnet im Herbst mit einem Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas. Im Koalitionsvertrag ist zudem die Idee verankert, eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu schaffen.

In Berlin wird der Ton im Streit um Arbeitszeiten spürbar härter: Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert eine Reform, während der stellvertretende DGB-Vorsitzende Stefan Kӧrzell eine grundlegende Verschiebung der Schutzlinie zurückweist. Ausgangspunkt ist eine geplante Flexibilisierung der Arbeitszeit, die nach den Angaben aus Regierungskreisen im Herbst in einen Gesetzentwurf münden soll. Für Unternehmen und Betriebsräte geht es dabei nicht nur um politische Schlagworte, sondern um die praktische Frage, wie sich reale Schichtpläne, Ausfallzeiten und Belastung über Wochen hinweg steuern lassen – besonders in Branchen, in denen digitale Produktionssteuerung und IT-gestützte Planung zunehmend eng getaktete Abläufe erzeugen.
Technisch betrachtet steckt hinter dem Konflikt eine Spannungsachse zwischen zwei Taktgebern: dem deutschen Arbeitszeitgesetz und der europäischen Arbeitszeitrichtlinie. Das deutsche Gesetz begrenzt die tägliche Arbeitszeit auf acht Stunden und erlaubt Ausnahmen nur über einen Ausgleich innerhalb eines halben Jahres bis zu zehn Stunden. Die EU-Richtlinie nennt dagegen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden. Dulger argumentiert, die Spielräume der EU-Vorgaben würden hierzulande faktisch nicht ausgeschöpft, und verweist darauf, dass in Ländern mit höherer Ausnutzung keine höhere Krankheitslast sichtbar sei.
Gewerkschaftsseite wird daraus ein Belastungsrisiko mit konkreter Arbeitslogik abgeleitet. Kӧrzell stellt die These der Arbeitgeber in Abrede und betont, dass Beschäftigte – auch in den Reihen der Gewerkschaften – überwiegend keine überlangen Arbeitszeiten wollen. Besonders scharf fällt seine Kritik an dem Szenario aus, in dem Arbeitgeber die tägliche Grenze weiter drücken könnten, weil dann in nicht tarifgebundenen Unternehmen weniger Schutz durch Tarifstrukturen bestünde. Er nennt als Risiko einen Rückfall in ein Arbeitsverständnis, das eher am klassischen „Chef bestimmt den Takt“ orientiert ist, statt an verhandelte Regeln und planbare Arbeitsbelastung.
In der Debatte spielt zudem die Frage nach Steuerbarkeit und Verantwortungsaufteilung eine zentrale Rolle. Dulger bringt das Argument vor, Arbeitgeber hätten mit dem geltenden Rahmen zu wenig Flexibilität, obwohl es für die meisten Betriebe heute technische Möglichkeiten gibt, Arbeitszeiten und Anforderungen präzise zu planen – von Schicht- und Produktionsplanung bis zu ticketbasierten Service-Workflows. Tarifverträge können solche Spielräume bereits nutzen, etwa bei Schichtarbeit oder bei genau geregelten Ausnahmen. Kӧrzell widerspricht aber der Idee, den Acht-Stunden-Tag auszuhöhlen, weil er gerade dort den Schutz sieht, wo Tarifbindung fehlt und die betriebliche Planung ohne flankierende Regelwerke auskommen muss.
Der politische Zeitplan verschiebt sich parallel dazu in mehrere Etappen. Nach den Angaben gab es Mitte Juni einen ersten durchgesickerten Änderungsentwurf aus dem Arbeitsministerium, bei dem der Acht-Stunden-Tag als Grundregel unangetastet blieb, die Ausnahmeregelungen aber erweitert werden sollten. Wirtschaftsverbände äußerten daraufhin Kritik. Gleichzeitig wurde aus dem Arbeitsministerium darauf verwiesen, dass das bekanntgewordene Papier noch nicht abgestimmt sei. Anfang Juli hatten Union und SPD in einem Koalitionsausschuss ein Reformpaket vereinbart, um die Wirtschaft schneller zu unterstützen; die Flexibilisierung der Arbeitszeit wurde dabei zunächst aufgeschoben, sodass der Konfliktpunkt im Kanzleramt vorerst weniger im Vordergrund stand.
Für die Unternehmen ergibt sich daraus ein Doppelbefund: Planungssicherheit ist kurzfristig höher, weil Details noch nicht festgezurrt sind, zugleich steigt der Vorbereitungsdruck. Sobald ein konkreter Gesetzentwurf vorliegt, müssen Organisationen ihre Arbeitszeitmodelle, Zeiterfassung und Genehmigungswege so ausrichten, dass sie nicht nur rechtssicher sind, sondern auch praktisch funktionieren – etwa indem sie Belastungsspitzen abfedern, ohne dass sie sich in andere Wochen „aufsummieren“. Gerade in IT-nahen Umfeldern, in denen Einsatzzeiten von Beratung, Support oder Rechenzentrumsbetrieb an Systeme und SLAs gekoppelt sind, wird jede zusätzliche Flexibilitätsoption automatisch zu einer Frage der Governance: Wer entscheidet, wann wie lange gearbeitet wird – und welche Grenzen gelten, wenn Tarifverträge nicht greifen?
Ob und in welchem Umfang die Reform das Gleichgewicht zwischen gesetzlichem Schutz und betrieblicher Flexibilität verändert, bleibt bis zur Vorlage im Herbst offen. Kӧrzell warnt vor einem „Rückfall“ und macht dabei das Unfallrisiko als Argument stark, sobald längere Tagesarbeitszeiten Realität werden. Dulger hält dagegen, dass eine Nutzung bestehender EU-Spielräume nicht zwangsläufig in gesundheitliche Probleme führt und verweist zugleich darauf, dass laut seiner Darstellung sogar eine Mehrheit innerhalb der Gewerkschaften keine überlangen Arbeitszeiten befürwortet. Für die nächste politische Runde bedeutet das: Nicht nur die juristische Auslegung, sondern auch die konkrete Ausgestaltung von Ausnahmen und die Rolle von Tarifbindung werden darüber entscheiden, ob die Arbeitszeitreform als Modernisierung wahrgenommen wird – oder als neuer Stressfaktor für bereits ausgelastete Teams.
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