LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung des spanischen Forschungsinstituts Imdea Networks zeigt, dass in der Webversion sechs von neun getesteten KI-Chatbots Chat-Informationen an Tracking- und Werbedienste weitergeben. Betroffen sind laut Studie unter anderem ChatGPT, Claude, Gemini und Grok, teils auch über automatisch erzeugte Chat-Titel. Die Forschenden fanden zudem Aufrufe aus mehreren Ländern, die teils Tage nach dem Gespräch erfolgten. Gleichzeitig warnen Datenschutzorganisationen vor einer späteren Nutzung von Chat-Verläufen für personalisierte Werbung.

Wenn KI-Chatbots Antworten in Sekundenschnelle liefern, verschwindet in vielen Produkt-Setups ein zweiter Prozess im Hintergrund: die Verknüpfung von Interaktionen mit Mess- und Werbesystemen. Genau diesen Kanal rückt eine Untersuchung des spanischen Forschungsinstituts Imdea Networks in den Fokus. Laut den Ergebnissen geben sechs von neun untersuchten KI-Chatbots in ihrer Webversion Informationen aus Gesprächen an Tracking- und Werbedienste weiter. Die Autoren testen dabei nicht nur die reine Chatfunktion, sondern auch Spuren, die typischerweise für Reichweitenmessung, Fehleranalyse oder Support entstehen.
Im Mai 2026 haben die Forschenden in Spanien insgesamt neun Webdienste geprüft. Neben gängigen Kandidaten wie ChatGPT, Claude und Gemini gehörten auch Perplexity, Grok, Mistral AI, Meta AI, Deepseek und Microsoft Copilot zum Testfeld. Zusätzlich sahen sie sich Android-Apps von acht Anbietern an und achteten darauf, welche Inhalte beim Zugriff an Dritte gehen. Dazu zählten demnach Chat-Titel, Chat-Links, Prompts sowie in einem Fall Screenshots; als Empfänger werden dabei unter anderem Google, Meta und TikTok genannt. Bei den Apps betrifft diese Weitergabe laut Studie drei von acht Fällen.
Technisch bemerkenswert ist, wie unterschiedlich die Chatbots die Inhalte „verpacken“. Bei Gemini, Grok und Mistral wurden automatisch generierte Chat-Titel an Dritte übermittelt. Besonders auffällig beschreibt die Untersuchung das Verhalten von Grok: Aus einer Frage, die offenbar den Umgang mit einer Hypothek in Zusammenhang mit einem New-York-Gehalt verknüpft, wurde ein Titel, der konkrete Zahlen und einen Ortsbezug trägt. ChatGPT und Claude übermittelten laut Studie keine Chat-Titel, schickten aber Chat-Links und Kennungen an Dienste wie Datadog und Intercom. Die Autoren ordnen das allerdings ein: Selbst wenn Tracking- und Support-Dienste Daten erhalten, kann das je nach Implementierung für Monitoring, Diagnose oder Kundenservice genutzt werden.
Über die Frage „Wer bekommt was?“ entscheidet auch, wie Cookies und Zustimmungen umgesetzt sind. Am weitesten geht die Studie zufolge Grok: Nach Zustimmung zu nicht notwendigen Cookies gingen Titel und Link eines Chats an sieben Werbe- und Analysedienste, darunter Meta, TikTok und Google. Ein wichtiger Detailsatz folgt daraus: Die Chat-Links sind standardmäßig öffentlich abrufbar, solange Nutzer das nicht deaktivieren. Bei geteilten Chats erhalten Meta und TikTok demnach Titel und den letzten Prompt; TikTok bekommt zusätzlich einen Screenshot. Gleichzeitig nutzten die Forschenden sogenannte Cookie-Links und Tests mit hochgeladenen Dateien, um zu prüfen, ob Inhalte abgerufen werden.
Dass Zustimmungsmechanismen nicht automatisch „abschalten“, zeigt die Analyse bei Ablehnung von Cookies. Für vier von neun kostenlosen Diensten sammeln Tracker laut Studie auch nach Ablehnung aller nicht notwendigen Cookies weiter Daten. Bei Claude verhinderte die Cookie-Ablehnung etwa den Meta-Pixel, aber offenbar nicht alle nachgelagerten Pfade. Zwischen kostenlosen und bezahlten Konten fanden die Autoren dabei kaum Unterschiede. Besonders konkret wird das Muster im Fall Grok: Nach Angaben der Studie registrierten die Forschenden bei Zugriffsversuchen 70 Abrufe von 70 IP-Adressen aus 14 Ländern, teils noch Tage nach dem Gespräch. Parallel meldet die Studie auch organisatorische Reaktionen: xAI antwortete nicht, während Anfragen an Mistral und Perplexity unbeantwortet blieben.
Auch die Reaktion auf Datenschutzfragen und die Praxis im Betrieb sind Teil des Bildes. Die Autoren schrieben demnach Datenschutzbehörden in der EU und im Vereinigten Königreich im April 2026 an. Für Grok heißt es in der Untersuchung außerdem, dass Chat-Inhalte am 10. September noch weiter öffentlich abrufbar waren. Google verweist laut Studie auf den Zweck von Google Analytics sowie auf Monitoring für die Leistung von Gemini. Für ChatGPT wird in Deutschland zudem berichtet, dass seit dem 24. August Werbung eingeblendet wird, die bislang zum laufenden Chat „passend“ ist; Datenschutzorganisationen aus Berlin und Hamburg warnen dabei, dass OpenAI künftig auch Chat-Verläufe und Erinnerungen für personalisierte Anzeigen nutzen will.
Für Unternehmen, die KI-Chatbots produktiv einsetzen, verschiebt sich damit die Risikobetrachtung von „Welche Antworten liefert das Modell?“ hin zu „Welche Metadaten verlassen das System?“. Besonders kritisch sind dabei Konstellationen, in denen Prompts, Links oder Kennungen an Drittsysteme geraten, weil diese Artefakte oft leichter aggregierbar und länger nachvollziehbar sind als der eigentliche Chatinhalt. Entscheider sollten deshalb nicht nur die Modellfunktion bewerten, sondern auch die Integrationsdetails: Wie werden Zustimmungs- und Cookie-Mechanismen implementiert, werden Links öffentlich gemacht, welche Drittanbieter erhalten Kennungen, und wie verhält sich das System bei geteilten Chats. Gerade bei KI-gestützten Workflows wird die saubere Trennung von Debugging, Support und Werbeprofiling zum Wettbewerbsfaktor – nicht nur zur Compliance-Frage.
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