LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Android-Malware namens WindRelay verknüpft NFC-Relay mit Remote-Access-Fähigkeiten, um Kontaktlos-Zahlungen live zu missbrauchen. Die Angreifer nutzen dabei die bekannte SpyNote-RAT, um heimlich eine NFC-App nachzuinstallieren und zu aktivieren. Laut Group-IB wurden die ersten Fälle Ende August 2025 beobachtet. Ziel ist es, Card-Data über NFC abzugreifen und so Zahlungen oder Abhebungen mit Kartenpräsenz betrügerisch auszuführen.

WindRelay: Android-NFC-Relay koppelt sich per RAT an SpyNote für Payment-Fraud
WindRelay: Android-NFC-Relay koppelt sich per RAT an SpyNote für Payment-Fraud (Foto: IT BOLTWISE)
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WindRelay ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Android-Malware von einzelnen „Werkzeugen“ zu zusammengesetzten Betrugsketten entwickelt. Im Kern geht es um einen NFC-Relay-Ansatz, der auch als Ghost Tap bekannt ist: Statt die Karte selbst direkt zu kopieren, wird der Funkschnittstellen-Dialog zwischen einer physischen Zahlungskarte und einem Terminal über zwei Geräte hinweg „durchgereicht“. Dadurch kann eine betrügerische Zielumgebung so wirken, als würde die Karte in Echtzeit am Bezahlsystem anwesend sein. Der Unterschied bei WindRelay: Das Relay ist nicht nur ein Standalone-Mechanismus, sondern hängt eng mit einer Remote-Access-Komponente zusammen, die auf dem Zielgerät installiert wird und die weitere Manipulation im Hintergrund ermöglicht.

Die technische Klammer liefert die SpyNote-RAT, deren Accessibility-Service-Rechte gezielt für den Betrugsablauf genutzt werden. Laut den Forschern ist der entscheidende Punkt, dass der Betrüger die NFC-App „sideloadet“ und danach aktiviert, ohne dass der Nutzer dafür typischerweise sichtbare Interaktionen wie Screen Sharing oder ähnliches auslösen muss. Praktisch heißt das: Der initiale Zugang erfolgt über Social Engineering, etwa via Phishing, Smishing oder Vishing, wobei der Angreifer im Telefonat eine APK-Datei bereitstellt. Damit diese Installationsroutine glaubwürdig wirkt, wird das APK angeblich mit dem Namen des Opfers personalisiert, was auf eine vorbereitende Phase hindeutet, in der Nummer und Name vor dem Anruf gesammelt werden. Sobald der Remote-Zugriff steht, kann die Angriffslogik den nächsten Schritt nachladen: die NFC-Relay-Komponente, die dann die Zahlungsschnittstelle missbraucht.

WindRelay besteht aus zwei abgestimmten Bausteinen, die über eine gemeinsame Command-and-Control-Infrastruktur kommunizieren. Auf dem Opfergerät läuft ein „Reader“-Component, die per NFC mit der physischen Zahlungskarte interagiert. Auf der Angreifer-Seite emuliert eine zweite Komponente die Karte an einem Payment-Terminal, sodass das Terminal die erwarteten Kartenantworten erhält. Entscheidend für die Echtzeitfähigkeit ist, dass die Komponenten über WebSocket koordiniert werden und EMV-APDU-Kommandos samt Antworten weiterreichen. Für Betreiber von Karten- und Terminal-Ökosystemen ist das relevant, weil die Standard-Plausibilitätsprüfungen häufig davon ausgehen, dass die physische Karte nur in unmittelbarer Umgebung „spricht“; hier wird diese Annahme durch die Kommunikationsbrücke gezielt unterlaufen.

Der Ablauf, den die Quelle beschreibt, setzt auf die gleiche menschliche Schwachstelle wie viele aktuelle Kampagnen: Das Opfer soll aktiv eine legitime Handlung ausführen, die am Ende den Betrug ermöglicht. Dazu werden die Betroffenen angeblich dazu gebracht, die eigene Zahlungskarte an ihr infiziertes Smartphone zu halten. Das geschieht im Rahmen einer inszenierten Begründung, etwa als „Identitätsprüfung“, oder mit dem Hinweis, den PIN zu ändern bzw. ihre Banking-Karte nach einer vermeintlichen Kontompromittierung zu verifizieren. Aus Sicht der Malware wird damit aus dem Smartphone eine Art Zahlungs-Proxysystem, das die Funksignale der Karte über NFC abgreift, sie liest und anschließend in Echtzeit an das Betrügergerät streamt. So entsteht eine live Verknüpfung zwischen Karten-Dialog und Terminal, bei der die Opferaktivität unbemerkt als „Trigger“ dient und damit die Angreiferkette stabilisiert.

Für die Einordnung in den Markt ist vor allem die Kombination aus zwei Erlöswegen innerhalb einer Sitzung interessant. Laut Group-IB wurden zwischen November 2025 und Juli 2026 bis zu 23 WindRelay-Samples auf VirusTotal hochgeladen, wobei sich die Angriffe auf Länder wie Tschechien, die Slowakei und Slowenien konzentrierten. Die Quelle beschreibt zudem, dass NFC-Relay-Malware gegen Android in den vergangenen Monaten über die Region hinaus gewachsen ist, unter anderem nach Brasilien und Polen. Strategisch ergibt sich daraus ein Muster, das in der Praxis häufig beobachtbar ist: Mit einem einmal kompromittierten Zugang können Angreifer sowohl „digitale“ Abzüge als auch „card-present“ Geschäfte fahren. Die SpyNote-RAT bringt Persistenz und zusätzlichen Zugriff, während das NFC-Relay den physischen Kartenmoment abgreift; zusammen entsteht eine duale Monetarisierung, bei der ein einzelner Betrugsprozess mehrere Auszahlungskanäle adressiert, bevor Bank oder Opfer reagieren.

Auch die Risiken für Verteidigung und Incident Response ändern sich, sobald kein reines „NFC-Relay-Skript“ mehr im Vordergrund steht. ESET hatte in einem früheren Bericht theoretisch auf „Farmen“ von Android-Geräten hingewiesen, die mit kompromittierten Kartendaten automatisiert Transaktionen ausführen könnten; WindRelay liefert dafür nun die konkrete technische Brücke zwischen Datenabgriff und automatisierbarer Remote-Steuerung. Für Unternehmen mit Zahlungsprozessen bedeutet das: Die Erkennung darf nicht nur auf einen Indikator (etwa ungewöhnliches NFC-Verhalten) reduziert sein, sondern muss auch die Fernsteuerung und das Social-Engineering-Setup einbeziehen. Dazu gehören zum Beispiel die Überwachung von ungewöhnlichen Accessibility-Zugriffen, das Logging der App-Installationspfade und ein sauberes Response-Verfahren für Fälle, in denen Nutzer im Telefonat zur Installation einer personalisierten APK oder zur „PIN-/Kartenverifikation“ gedrängt werden. Denn die technische Hürde ist nicht die reine Emulator-Logik am Terminal, sondern das gesamte Zusammenspiel aus Zugang, heimlicher Aktivierung und Echtzeitdatenübertragung.

In der nächsten Evolutionsstufe liegt der Fokus damit weniger auf einer einzelnen Schwachstelle, sondern auf der Systematik: Erst Recherche (Name und Nummer), dann Gesprächs-Setup, dann Remote-Access zur unauffälligen App-Aktivierung und schließlich NFC-Relay mit EMV-APDU-Weitergabe. Genau dieses „mehrstufige Design“ wird in der Quelle als Kernbotschaft betont: Moderne Fraud-Operanden setzen selten nur eine Technik ein. Für Sicherheitsverantwortliche heißt das, dass Prävention und Erkennung entlang der Kette gedacht werden müssen – vom Zugriff auf das Gerät bis zur Interaktion zwischen Karte, Smartphone und Terminal. Wenn solche Kampagnen weiter zunehmen, wird der konkrete Gegenpol weniger „ein Patch für NFC“ sein, sondern die Kombination aus Nutzeraufklärung, Endpoint-Härtung, Rechtekontrolle und adaptiven Betrugserkennungsregeln, die auch Verzögerungs- und Musteranomalien in der Relay-Kette berücksichtigen.


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