LONDON (IT BOLTWISE) – Die GhostAction-Kampagne zielt nun nicht nur auf kompromittierte Projekte mit bösartigen GitHub-Actions-Workflows, sondern auch auf Open-Source-Entwickler per Phishing. Angreifer setzen dabei eine Reverse-Proxy-Logik ein, um Passwörter und 2FA-Codes abzugreifen und anschließend still ein OAuth-Gerätelogin mit weitreichenden Workflow-Berechtigungen zu autorisieren. Parallel taucht eine zweite Stufe auf, die sich über Visual-Studio-Code-Trigger und eine manipulierte Font-Datei auf Entwicklerrechnern festsetzt. Laut Analyse verschwindet der Zugriff damit nicht zwingend, sobald der Workflow aus dem Repository entfernt wurde.

Die GhostAction-Kampagne zeigt gerade, wie schnell sich Supply-Chain-Angriffe vom klassischen „Workflow einschleusen“ zu einem breiteren Zugriffskonzept weiterentwickeln. Im Kern nutzten die Angreifer bislang bösartige GitHub-Actions-Workflows in kompromittierten Projekten, um Secrets aus Build- und CI-Kontexten auszulesen. Laut einer aktuellen Untersuchung hat das Team dieses Muster erweitert: Statt ausschließlich über die Automatisierung in Repositories zu operieren, wird nun auch aktiv nach Nutzern gesucht, die Open-Source-Organisationen verwalten oder in Projekten mit Schreibrechten stehen. Das verschiebt den Fokus von rein technischen Einfallstoren hin zu einem Mix aus Identitätsdiebstahl, Token-Abgriff und späterer Re-Injektion über autorisierte API-Zugriffe.
Besonders auffällig ist die Kombination aus einer gefälschten Font-Datei und einer Phishing-Variante, die auf GitHub-spezifische OAuth-Flows abzielt. Der Angreifer registrierte dafür den Domain-Namen „my-github[.]com“ und verknüpfte ihn mit einem IP-Endpunkt, der laut Analyse auch als Exfiltrationsziel diente. Im Verlauf soll die Seite zunächst wie ein Login bzw. wie eine Sicherheitswarnung wirken, die an eine neue Anmeldung aus Russland gekoppelt ist. Der Mechanismus geht dabei deutlich über simples Klick-Phishing hinaus: Die gefälschte Seite fungiert als Reverse Proxy, der Passwörter und 2FA-Codes entgegennimmt und anschließend JavaScript nachlädt, um eine OAuth-App still zu autorisieren. Dadurch erhält der Angreifer ein wiederverwendbares API-Zugriffsobjekt, das für spätere Schritte reicht, ohne dass das Opfer bewusst zustimmen muss.
Technisch arbeitet das Setup mit dem GitHub Device-Flow, also einem Prozess, bei dem normalerweise ein Device Code und ein User Code genutzt werden, um den Autorisierungsschritt getrennt vom Browser-Context auszulösen. Die Analyse beschreibt, dass das Script Device- und User-Code entgegennimmt, dann die von GitHub gelieferten Formulare für „/login/device“ aus dem HTML extrahiert und diese automatisiert abschickt. Dabei wird der User Code eingefügt, ein Autorisierungsformular gefunden, „authorize=1“ gesetzt und die Freigabe über eine bereits authentifizierte, ge-proxied Sessions-Logik gepostet. Damit fällt ein entscheidender Kontrollpunkt weg: Weder muss das Opfer den Device Code aktiv eingeben noch die Autorisierung kontextbewusst bestätigen. Die so gewonnenen Berechtigungen umfassen demnach unter anderem Lese- und Schreibzugriff auf Repositories sowie das Ändern von Actions-Workflow-Dateien, außerdem Daten zur Organisationsebene, die den weiteren Angriff operationalisiert.
Damit lässt sich die GhostAction-Strategie wieder in den Code-Workflow zurückübersetzen: Ein Token mit passenden Scope-Fähigkeiten ermöglicht dem Angreifer, Repositories zu enumerieren und unter „.github/workflows/“ gezielt Dateien zu injizieren. Laut der Untersuchung ist der eigentliche Vorteil dieser Erweiterung, dass sich „repository-scale automation“ mit „individual social engineering“ verbinden lässt. Als zusätzliche Komponente kommt eine zweite Stufe hinzu, die auch nach dem Entfernen des initialen bösartigen Workflows auf dem Entwicklergerät fortbesteht. Der beobachtete Persistenzansatz lehnt sich dem Bericht zufolge an das „Playbook“ aus einem anderen Kontext an, indem drei Dateien zusammenwirken: eine VS-Code „tasks.json“-Definition mit einem „runOn: folderOpen“-Trigger, eine Font-Datei unter „public/fonts/fa-solid-400.woff2“ mit eingebettetem Credential-Stealer-Payload sowie ein zweiter GitHub-Workflow als Fallback, falls der Infostealer nicht läuft.
Inhaltlich ist die zweite Stufe besonders relevant, weil sie nicht nur „klassische“ Tokens sammelt, sondern breit über Entwicklungs- und Cloud-Zugriffspunkte sucht. Die Font-Datei soll unter anderem AWS-Keys, PyPI-Token, npm-Token, Git-Logins, Kubernetes-Cluster-Zertifikate, SSH-Private-Keys sowie Zugriffsparameter für KI-Anbieter wie Anthropic Claude und Google Gemini auslesen. Parallel soll der alternative Workflow weitere Credential-Formate nachladen und Ergebnisse notfalls in einen Secret Gist hochladen, wenn ein POST fehlschlägt. Ergänzend wird beschrieben, dass der Persistenzmechanismus auf dem Rechner einen Cron-Job installiert, der alle fünf Minuten Angreifer-Code ausführt; die gesammelten Daten werden anschließend über HTTP an den gleichen Server-Backchannel gesendet, diesmal auf Port 8080. Die Untersuchung nennt insgesamt 94 kompromittierte Repositories mit dieser zweiten Stufe und ordnet sie 66 Eigentümern zu.
Der Zeitverlauf macht klar, warum diese Architektur so lange durchhält. „Stage 1 needs GitHub to run the workflow“, wird in der Analyse sinngemäß hervorgehoben. Am 9. Oktober soll GitHub damit begonnen haben, den bösartigen Workflow am Ausführen zu hindern; die Wellen am 10. und 12. hätten dann keine Secrets mehr extrahiert. Gleichzeitig soll die „Stage 2“ sechs Tage später „angekommen“ sein und gerade dadurch funktionieren, dass sie keinen laufenden Runner mehr voraussetzt. Dazu kommt ein wichtiges Detail: Selbst wenn Blockierungen greifen, verlagert der Betreiber den Angriff an Stellen, an denen die Plattformkontrollen weniger direkt wirken. Ein solcher Umbau macht auch den „Footprint“ schwieriger – zumal der Bericht zwar zwei thematisch ähnliche Domain-Namensmuster nennt („my-github[.]com“ und „my-gitlab[.]com“), aber aktuell keine direkte technische Kopplung belegt.
Konkrete Beobachtungen helfen, die Relevanz für Unternehmen und Maintainer einzuordnen. „They use different registrars, registrant records, Cloudflare nameserver pairs, IP addresses, ASNs, and DNS designs, and no shared certificate or account artifact has been recovered“, sagte der Sicherheitsforscher Paul McCarty. Das unterstreicht, dass man nicht nur nach einem einzigen Indikator suchen sollte, sondern nach dem Muster aus Identitätsdiebstahl und Workflow-Autorisierung. Für die Abwehr empfiehlt die Untersuchung deshalb, GitHub-Zugänge und Tokens von einer „sauberen“ Maschine zu widerrufen, Passwörter zu wechseln und alle Credentials, die Workflows erreichen können, zu rotieren; zusätzlich sollen Entwickler diejenigen warnen, die die betroffenen Repositories geklont haben. Auch eine gewisse Branchenrealität spielt hinein: In Open-Source-Projekten haben Maintainer oft breit gestreute Rollen – für genau diese „Überschneidungspunkte“ sind OAuth-Token und Repository-Scopes besonders wertvoll.
Der Bericht macht zudem sichtbar, warum klassische „Workflow entfernen“-Maßnahmen allein nicht reichen. „We can’t say the block caused it. We can say the operator moved to a place GitHub’s controls don’t reach“, heißt es in der Einordnung. Ein weiteres, praktisch verwertbares Detail kommt von Jenn Gile: „The stealer’s environment-variable filter misses most API keys, its home-directory search can time out and discard its own results, and a single IP handles exfiltration, phishing, and noisy internet scanning. That last mistake is why searching for the IP still finds infections.“ Das zeigt zweierlei: Erstens sind solche Kampagnen oft operational „programmiert“ und damit fehleranfällig; zweitens können Forensik- und Threat-Hunting-Ansätze noch greifen, wenn sie auf Netzwerkindikatoren, Token-Rotation und Repository-Audits kombiniert werden. Für Verantwortliche bedeutet das letztlich, dass die Absicherung von Künstlicher Intelligenz- und Cloud-Prozessen nicht erst dort beginnt, wo ein Modell läuft, sondern schon bei der Identitätsschicht, die Zugriff auf Datenquellen und CI/CD-Mechanismen öffnet.
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