LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Entwickler will mit einer kostenlosen Open-Source-Suite den Funktionsumfang von Adobes Kreativprogrammen Schritt für Schritt nachbauen. Sein Projekt heißt Artcraft und ersetzt in der aktuellen Planung zentrale Bausteine wie „Photoshop“ durch „Photocraft“ und „Lightroom“ durch „Lightcraft“. Laut eigener Darstellung entstand zumindest ein großer Teil der Umsetzung mit Künstlicher Intelligenz in sehr kurzer Zeit. Zugleich macht das Team klar, dass es noch Monate braucht, bis ein breiter Feature-Umfang erreicht ist.

Die Creative Cloud von Adobe ist für viele Kreative zum Standard geworden – aber sie ist auch zu einer wiederkehrenden Kostenposition geworden, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Für das Pro-Abo mit Tools wie Photoshop, Premiere und Adobe Firefly werden Einzelpersonen laut Quelle rund 78 Euro pro Monat genannt. Genau diese Schwelle dürfte Brandon Thomas im Kopf gehabt haben, als er auf Hacker News eine alternative Open-Source-Suite ansprach und dabei sogar behauptete, er habe Photoshop mithilfe von KI in nur einer Sitzung nachgebaut. Das ist eine provokante Aussage, sie zeigt aber vor allem, wie stark sich die Erwartungen an KI-unterstützte Softwareentwicklung in den letzten Monaten verschoben haben.
Das Projekt Artcraft soll als kostenlose Software-Suite für Kreative starten und dabei eine auffällige Nähe zu Adobes etabliertem Werkzeugkasten suchen. Aufgebaut wird die Suite im Kern mit einzelnen Anwendungen, die sich konzeptionell an Adobe-Produkten orientieren: So ist laut Entwicklung Artcrafts „Photocraft“ als Ersatz für Photoshop gedacht, „Lightcraft“ soll die Rolle von Lightroom übernehmen und weitere Bausteine folgen im gleichen Prinzip. Ziel ist dabei weniger eine komplett neue Bedienphilosophie, sondern eine gleichwertige Alternative – mit dem Versprechen, Nachteile wie die Cloud-Anbindung und die hohen monatlichen Kosten zu vermeiden. Gleichzeitig ist wichtig: Das Projekt versteht sich als Rückentwicklung im praktischen Sinn, nicht als reine Sammlung von Skripten oder Plugins.
Technisch macht Artcraft vor allem dort neugierig, wo KI-gestützte Entwicklungsprozesse in echte Softwareprodukte übersetzt werden. Thomas und sein vierköpfiges Team nennen als KI-Werkzeug „Anthropics Claude Opus 5.5“ und setzen für die Implementierung auf Rust. Für Anwender ist Rust zunächst eine unsichtbare Entscheidung, für die Architektur aber zentral: Rust bringt eine strenge Kontrolle von Speicher- und Thread-Sicherheit mit, was bei performanten Grafik-Workloads, Rendering-Pipelines und Bildverarbeitungs-Algorithmen einen spürbaren Unterschied machen kann. Dass die Tools nicht nur unter Windows und macOS, sondern auch auf Linux laufen sollen, ist zudem ein starkes Signal an einen Teil der Creator-Community, der ohnehin häufig mit offenen Systemen arbeitet oder zumindest gern nicht in proprietären Plattformgrenzen feststeckt.
So ambitioniert das Ziel ist, so deutlich bremst das Projekt derzeit aber die Erwartungshaltung. Die aktuelle Version befindet sich laut Team noch im frühen Stadium und soll sich „rasant“ weiterentwickeln, dennoch verweisen erste Tester: innen auf konkrete Defizite. Thomas selbst räumt ein, dass es noch einige Monate dauern werde, bis 99 Prozent der Features abgedeckt werden können. Genau in dieser Spannung steckt die wichtigste Frage für die Praxis: Reicht KI-gestützte Umsetzung aus, um nicht nur Oberflächenfunktionen zu reproduzieren, sondern auch Workflows, Edge-Cases, Formate und die feinen Details aus dem Alltag von Fotograf: innen und Designer: innen. Wer Artcraft derzeit ausprobiert, bekommt also eher einen Eindruck der Richtung als den versprochenen Ersatz für das bestehende Toolset – ein typisches Muster bei Open-Source-Neuaufbauten, das diesmal aber durch die Geschwindigkeit KI-gestützter Code-Erstellung verstärkt wird.
Die Resonanz aus der Community folgt dabei einer klaren Logik: Wenn sich der Funktionsumfang einer etablierten kommerziellen Suite langfristig angleichen lässt, steigt der Druck auf den Markt, Alternativen ernster zu unterstützen. In den Diskussionen wird das Projekt entsprechend positiv aufgenommen; es gibt Stimmen, die den Ansatz testen und andere, die offen fordern, Adobe den Rücken zu kehren. Zugleich taucht in solchen Threads fast immer auch die persönliche Perspektive auf, und hier liefert Thomas’ Motivation zusätzlichen Kontext: In einem Beitrag schildert er, ihm seien laut eigener Darstellung mehrfach Stornogebühren berechnet worden, worauf sich eine ausgeprägte Abneigung gegenüber dem Unternehmen aufgebaut habe. Für die technische Bewertung ist das keine Blaupause, aber es erklärt, warum Artcraft vermutlich nicht nur aus einem „Learning-from-competition“-Reflex entsteht, sondern aus dem Wunsch nach echter Unabhängigkeit.
Dass KI mittlerweile in der Lage ist, komplexere Programme erheblich schneller aufzubauen, wird durch Artcraft zumindest als Story eindrucksvoll illustriert. Der entscheidende Punkt für Unternehmen und professionelle Nutzer ist jedoch, wie gut sich daraus verlässliche Softwarequalität ableiten lässt: KI-gestützter Code kann den Weg beschleunigen, aber Performance, Stabilität, Dateikompatibilität und langfristige Wartbarkeit müssen trotzdem systematisch erarbeitet werden. Genau dafür wäre für Artcraft die Roadmap entscheidend, insbesondere wenn das Ziel in Richtung Feature-Parität mit den großen Adobe-Produkten geht. Auch wenn Thomas den Moment als Start eines neuen Zeitalters beschreibt, in dem Nutzer eigene Alternativen erstellen und anpassen können, wird diese Vision erst greifbar, sobald aus frühen Prototypen belastbare Toolchains werden, die im Produktivbetrieb nicht bei jedem Projekt neu „genervt“ werden müssen.
Damit rückt die letzte große Baustelle in den Fokus: rechtliche und marktstrategische Fragen rund um Nachbau und Ähnlichkeit. Die Quelle stellt explizit die Unsicherheit heraus, ob und wie Adobe den Ansatz dulden wird – besonders weil Artcraft in der Funktionslogik sehr nahe an der Creative Cloud positioniert ist. Auch wenn Open Source grundsätzlich eine legitime Entwicklungsrichtung ist, bleibt die Detailfrage, inwieweit Code, APIs, Dateiformate, UI-Elemente oder technische Konzepte aus proprietären Produkten übernommen werden. In der Praxis entscheidet das über die juristische Angriffsfläche: Selbst wenn die Software neu implementiert wird, können Schutzrechte durch Interface-Nähe, wiederverwendete Artefakte oder abgeleitete Strukturen relevant werden. Für Thomas und sein Team bedeutet das, dass die technische Umsetzung künftig nicht nur „Feature-lastig“, sondern auch „risikobewusst“ dokumentiert werden muss.
Für Kreativstudios und einzelne Profis schließlich ist Artcraft vor allem ein Frühindikator. Wer jetzt beobachtet, bekommt früh eine Vorstellung davon, wie schnell KI-gestützte Entwicklung aus „Idee“ tatsächlich „Arbeitswerkzeug“ machen kann – und wo die Grenzen liegen. In den nächsten Monaten entscheidet sich deshalb nicht nur daran, ob Artcraft 99 Prozent der Features erreicht, sondern auch daran, wie stabil die Pipeline ist, wenn mehr Anwender wirklich mit eigenen Projekten und unterschiedlichen Workflows einsteigen. Wenn der Fortschritt dabei spürbar bleibt, könnte Artcraft den Wettbewerb in der Creator-Software weiter anheizen; falls nicht, bleibt es zumindest ein konkretes Beispiel dafür, wie KI-Tools die Erwartungshaltung an Geschwindigkeit, Offenheit und Kostenstruktur neu kalibrieren.
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