INDONESIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsvorfälle zeigen, wie eng KI-Werbung und klassische Cyberkriminalität inzwischen verzahnt sind: In Bing-Anzeigen steckte Schadsoftware, die nach wenigen Tagen bereits tausendfach heruntergeladen wurde. Im selben Umfeld haben Ermittler die Phishing-as-a-Service-Infrastruktur „Kratos“ zerschlagen und dabei mehr als 200 Server deaktiviert. Die Angriffe zielten auf Passwörter, Kreditkartendaten und Zugangsdienste wie Browser-Logins sowie FTP- und VPN-Zugänge. Zusätzlich geraten Banking-Trojaner und gefälschte App-Netzwerke in den Fokus, während Passkey-Einführungen als Gegenmaßnahme an Fahrt gewinnen.

Malvertising mit KI-Werbung auf Bing: SectopRAT und Phishing-Plattformen im Visier
Malvertising mit KI-Werbung auf Bing: SectopRAT und Phishing-Plattformen im Visier (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn „KI-Tools“ in Suchmaschinenanzeigen beworben werden, klingt das für viele Nutzer zunächst nach Produktivität statt Gefahr. Genau diese Erwartungslücke nutzen Angreifer im Malvertising-Kontext: Auf der Suchmaschine Bing waren Anzeigen für eine vermeintliche Desktop-Version der KI „Claude“ geschaltet. Dahinter befand sich jedoch ein schädliches Installationspaket; laut den vorliegenden Angaben wurden mindestens 29 Organisationen innerhalb von 48 Stunden kompromittiert. Besonders kritisch ist dabei der Zeitraum zwischen Veröffentlichung und Entfernung: Das Paket wurde rund 7.100 Mal heruntergeladen, bevor die Infrastruktur bereinigt wurde.

Technisch auffällig ist vor allem, dass die Schadsoftware SectopRAT die Kommunikation über die Ethereum BNB Smart Chain abwickelt. Das verschiebt den Blick von reiner Malware-Logik auf die Frage, wie Angreifer Command-and-Control (C2) resilienter gestalten: Anstatt ausschließlich auf klassische HTTP/S-Endpoints zu setzen, nutzen sie Blockchain-gestützte Vermittlung, um Kommunikation zu tarifen und zu verschleiern. Für Unternehmen und Sicherheitsoperationen bedeutet das, dass Indikatoren nicht nur in Domains und IPs gesucht werden dürfen, sondern auch in signaturarmen Verhaltensmustern, etwa bei Paketabfragen, Prozessketten und ungewöhnlichen Netzwerkpfaden bei Client-Systemen.

Die Zielsetzung der Kampagne deckt ein breites Spektrum sensibler Daten ab: SectopRAT ist darauf ausgelegt, Passwörter, Kreditkarteninformationen sowie Zugangsdaten für Browser, FTP-Dienste oder VPNs auszuspähen. Damit folgt die Kampagne einem Muster, das in der Praxis besonders häufig wirkt: Statt nur „Zugang zu einem Konto“ zu erbeuten, versucht die Malware gleich mehrere Sphären zu monetarisieren, darunter Identitäten, Zahlungsdaten und Fernzugriffe. Daneben ist auch die Gruppe JadeProx aktiv, der in den Ermittlungsdarstellungen Verbindungen nach China zugeschrieben werden. Sie nutzt gefälschte Domains für KI-Produkte und schleust über manipulierte Installationsprogramme eine Backdoor ein; betroffen seien staatliche Institutionen in Malaysia und Honduras sowie medizinische Einrichtungen in Vietnam.

Während auf der einen Seite Malvertising und Stealer-Mechaniken zuschlagen, haben Ermittler auf der anderen Seite eine der „Produktionsachsen“ der Szene getroffen: Gemeinsam mit dem FBI und indonesischen Behörden wurde die Phishing-as-a-Service-Plattform „Kratos“ zerschlagen. Die Plattform arbeitete wie ein Baukastensystem, sodass Kriminelle täuschend echte Microsoft-Authentifizierungsseiten erstellen konnten. Laut den Angaben nutzten seit 2024 rund 1.800 Kunden diese Infrastruktur, um etwa 15.000 Phishing-Kampagnen pro Monat in 35 Ländern durchzuführen. Entscheidend für die Angriffsrealität: Die dokumentierten Techniken konnten sogar die Multifaktor-Authentifizierung (MFA) umgehen. Hinzu kommt, dass ein Hauptadministrator in Indonesien festgenommen und über 200 Server neutralisiert wurden, während der Umsatz der Plattform auf mehr als 300.000 Euro geschätzt wird.

Die gleiche Logik „Skalierung durch fertige Bausteine“ zeigt sich auch in einem verwandten Einsatz: Das Netzwerk „Tycoon2FA“ soll für die Verbreitung von 96.000 gefälschten Banking-Apps verantwortlich sein. Zwei Verdächtige wurden in Pakistan festgenommen. Für IT-Sicherheitsverantwortliche verschiebt das den Fokus vom einzelnen Incident hin zur Lieferkette der Angriffe: Wenn Plattformen und Netzwerke in großem Maßstab existieren, werden reine Endpunktmaßnahmen allein zu kurz greifen. Stattdessen rücken technische Detektion und organisatorische Härtung in den Vordergrund – etwa durch strengere Freigabeprozesse für Installationsquellen, konsequentes Logging von Authentifizierungsereignissen und die Überprüfung von Push-, SMS- und Browser-basierten Interaktionsmustern, die in Phishing-Fällen häufig spezifisch ausfallen.

Parallel zur Web- und Phishinglandschaft steigt auch die Bedrohung für Mobilgeräte. Für das erste Quartal 2026 werden laut den vorliegenden Zahlen rund 2,67 Millionen Schadsoftware-Angriffe auf Mobilgeräten gemeldet, mit einem Anstieg bei Android-Banking-Trojanern um 56 Prozent. Insgesamt wurden zudem über 300.000 neue schädliche Programme für Mobilplattformen identifiziert. Als Beispiel wird eine gefälschte Android-App namens „Bahrain Alert“ genannt, die offenbar zur Überwachung von Aktivisten und Journalisten in der Golfregion eingesetzt werden sollte. Die Malware arbeitet über Bedienungshilfen-Schnittstellen: Sie erfasst Bildschirminhalte, protokolliert Tastatureingaben und fängt SMS ab – ein Setup, das den typischen Schutzmechanismen durch reine App-Rechteverwaltung begegnet, weil Nutzerinteraktion und Systemzugriffe kombiniert werden.

Auch beim Markenmissbrauch bleibt der Angriffshebel zentral. Der Brand Phishing Report für das zweite Quartal 2026 weist Microsoft mit 22,6 Prozent als am häufigsten imitierte Marke aus; dahinter liegen LinkedIn (11,6 Prozent) und Google (6,7 Prozent). Neu in der Verteilung: ChatGPT schafft es erstmals mit 1,1 Prozent in die Top-Zehn-Liste. Dass Kriminelle zusätzlich KI-gestützte Werkzeuge wie den „Dolphin X Stealer“ einsetzen, passt ins Bild: Die Software soll infizierte Nutzer anhand von Software-Nutzung und Browser-Aktivitäten profilieren und besonders lohnende Ziele priorisieren, etwa für den Diebstahl von Krypto-Wallets oder Cloud-Zugangsdaten. Als Gegenstrategie gewinnen deshalb Passkeys und verwandte Verfahren an Relevanz: Microsoft kündigte an, Passkeys für Entra ID ab September 2026 einzuführen, und auch deutsche E-Mail-Anbieter stellen Passkey-Anmeldeverfahren für Millionen Nutzer bereit – ein Schritt, der zwar nicht jede Angriffsform verhindert, aber den klassischen Passwort- und häufig auch den Phishing-„Hebel“ reduziert, wenn der Nutzerprozess korrekt abgesichert ist.


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