LONDON (IT BOLTWISE) – Oxytocin, oft als „Kuschelhormon“ bekannt, kann bei Menschen mit hoher Bindungsangst Kindheitserinnerungen deutlich negativer wirken lassen. In einem doppelblinden Crossover-Experiment mit 77 Teilnehmenden wurde das Hormon als Nasenspray verabreicht und anschließend das emotionale Bild von Mutter-Erinnerungen erhoben. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Oxytocin soziale Reize nicht automatisch beruhigt, sondern vor allem emotional auflädt. Gleichzeitig bleiben Effekte bei vermeidend gebundenen Personen eher verstärkt als abgeschwächt.

Künstliche Intelligenz spielt in dieser Studie keine Rolle – trotzdem liefert sie einen Vorgeschmack darauf, wie sensibel die Auswertung menschlicher Erinnerungen sein kann. Oxytocin wird seit Jahren als „Klughormon“ oder „Kuschelhormon“ vermarktet, weil es in vielen Kontexten mit Bindung, Nähe und sozialem Wohlbefinden in Verbindung gebracht wird. Der neue Befund dreht diese Intuition jedoch um: Bei Menschen mit ausgeprägter Bindungsangst kann Oxytocin dazu führen, dass Kindheitserinnerungen emotional stärker belastet und negativer erinnert werden. Der Kernpunkt ist dabei nicht, dass Oxytocin „böse“ wirkt, sondern dass es als Verstärker für bereits vorhandene soziale Erwartungen und Befürchtungen fungiert.
Hintergrund ist die Bindungstheorie mit ihren „internal working models“: psychologische Arbeitsmodelle, die beschreiben, ob andere Menschen im entscheidenden Moment verfügbar und resonant sind. Sicher gebundene Personen erwarten tendenziell verlässliche Unterstützung; ängstlich gebundene Personen möchten zwar Nähe, fürchten jedoch verlassen zu werden und scannen Beziehungen deshalb besonders intensiv nach Bedrohungen. Vermeidend gebundene Menschen schützen sich meist durch Distanz: Sie reduzieren den Zugang zu emotionalen Bedürfnissen, sobald sie sich verletzlich fühlen. Genau in dieses Spannungsfeld greift das Forschungsvorhaben ein und testet die Frage, ob Oxytocin hier wirklich als genereller „Prososialbooster“ funktioniert – oder ob es emotionalen Inhalt selektiv verstärkt.
Die Studie knüpft an die sogenannte „social salience hypothesis“ an. Diese Hypothese besagt, dass Oxytocin nicht schlicht positive Emotionen fördert, sondern sozial relevante Informationen emotional „markiert“ und dadurch ihre Intensität erhöht – unabhängig davon, ob sie positiv oder negativ sind. Tiermodelle stützen diese Lesart bereits: In Experimenten mit Mäusen wurde nach sozialen Niederlagen eine stärkere Furchtreaktion mit Oxytocin-Interaktionen in Verbindung gebracht. Für Menschen wollten die Forschenden deshalb nicht nur prüfen, ob Vertrauen oder Empathie steigen, sondern ob sich insbesondere die emotionale Qualität von Bindungserinnerungen verändert. Konkret wurde untersucht, wie Oxytocin die Erinnerung an mütterliche Situationen beeinflusst – ein historisch bedeutsamer Fokus in der Frühpsychologie.
Am McGill University-Team um Melissa Shemirani und Jennifer A. Bartz zeigt sich, wie das Design die Aussagekraft erhöhen soll: Es handelt sich um eine zweigeteilte Untersuchung mit 77 männlichen und weiblichen Teilnehmenden, bei der ein doppelblindes Crossover-Design eingesetzt wurde. An einem Besuch erhielten die Personen Oxytocin als Nasenspray, am anderen eine Placebo-Gabe; weder Teilnehmende noch Versuchsleitung wussten, welche Substanz an welchem Tag verabreicht wurde. Danach warteten die Forschenden, bis das Hormon wirken sollte, und lösten mit bindungsbezogenen Begriffen wie „protect“ oder „upset“ konkrete Erinnerungen aus, die sich auf ihre Mutter bezogen. Die Teilnehmenden wählten im nächsten Schritt je eine positive und eine negative Erinnerung aus und erzählten dazu einige Minuten lang frei.
Entscheidend sind zwei Arten der Auswertung: Zum einen beurteilten unabhängige Menschen die transkribierten Erzählungen und bewerteten den Anteil positiver und negativer emotionaler Inhalte. Zum anderen analysierten zwei computergestützte Programme die Texte mit unterschiedlichen Verfahren: Das eine zählte emotional gefärbte Wörter anhand eines großen Wörterbuchs, das andere prüfte auch grammatische Zusammenhänge – etwa ob ein negatives Wort durch andere Wörter abgeschwächt oder kontextualisiert wird. Für Teilnehmende mit hoher Bindungsangst zeigte Oxytocin in der menschlichen Auswertung, dass sie ihre Mutter insgesamt negativer und weniger positiv beschrieben als unter Placebo. Das passt zur Idee, dass der Wirkstoff emotionale Unsicherheiten in sozialen Beziehungen verstärkt. Interessant ist zudem die Rolle der Analysemethode: In den Softwareauswertungen trat ein signifikantes Muster vor allem bei Teilnehmenden mit niedrigerer Angst auf; dort reduzierte Oxytocin das negative emotionale „Tone“-Niveau, während positive Sprachmuster nach den Programmen keine messbaren Unterschiede zeigten.
Auch die Bindungsform der Vermeidung wurde separat betrachtet. Bei vermeidend gebundenen Personen veränderte Oxytocin die emotionale Qualität der mütterlichen Erinnerungen nicht – allerdings zeigte sich nach der eigentlichen Erinnerungserhebung in einem Fragebogen eine Tendenz zur noch stärkeren Zurückhaltung: Unter Oxytocin waren sie weniger bereit, persönliche Informationen zu teilen, und fühlten sich offenbar noch unwohler dabei. Diese Kombination aus „keine Änderung des emotionalen Inhalts der Erinnerungen“ und „mehr defensive Distanz im Umgang mit der Interaktion“ legt nahe, dass Oxytocin je nach Ausgangslage unterschiedliche Verhaltenspfade verstärken kann. Gleichzeitig machen die Forschenden Einschränkungen deutlich: Die Ergebnisse beziehen sich auf Erinnerungen an Mütter, die Teilnehmenden waren relativ jung und überwiegend White und Asian, sodass sich Muster in älteren Altersgruppen oder anderen kulturellen und demografischen Kontexten anders darstellen können.
Für die Praxis ist vor allem die Diskrepanz zwischen menschlicher Einschätzung und automatischer Textanalyse relevant. Softwarewerkzeuge stoßen bei gemischten Gefühlslagen aus Familiengeschichten an Grenzen: Ein Satz kann negative Wörter enthalten, aber menschliche Zuhörende erkennen trotzdem die übergeordnete positive Bedeutung – etwa wenn Trost nach einem erschreckenden Ereignis geschildert wird. Zudem ist gesprochene Sprache häufig durch Abschweifungen und Satzbau-„Eigenheiten“ geprägt, während viele Textmodelle oder lexikalische Ansätze primär für kürzere geschriebene Texte trainiert oder optimiert sind. Der Befund passt deshalb zu einer konservativen Schlussfolgerung: Oxytocin ist kein universelles therapeutisches Werkzeug für Beziehungsprobleme. Wenn es als Verstärker für vorbestehende soziale Ängste wirkt, braucht jede mögliche medizinische Anwendung eine sorgfältig angepasste Begleitung – sonst könnte es bei besonders hoher Bindungsangst sogar zusätzliche Belastung erzeugen. Das Papier, veröffentlicht in Emotion, trägt den Titel „Attachment, Oxytocin, and Maternal Recollections: Further Evidence for the Salience Hypothesis“ und liefert damit eine präzisere, weniger eindimensionale Blaupause für die Frage, wie „Nähe“ biologisch moduliert wird.
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