LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundessozialgericht hat die rechtliche Einordnung der stufenweisen Wiedereingliederung neu justiert. Versicherte können Fahrtkosten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte während dieser Phase demnach in der Regel nicht über die gesetzliche Krankenversicherung erstattet bekommen. Die frühere Linie aus einem Urteil des Sozialgerichts Dresden bleibt zwar für die Rechtsentwicklung relevant, trägt aber nicht mehr für aktuelle Leistungsansprüche. Für Arbeitgeber und Personalverantwortliche wird damit die Vorbereitung des Wiedereingliederungsprozesses noch wichtiger.

Die Rückkehr in den Beruf nach einer längeren Erkrankung folgt in Deutschland häufig dem sogenannten Hamburger Modell. Dabei rückt schnell eine Frage in den Mittelpunkt, die im Alltag oft erst beim ersten „Probe-Tag“ spürbar wird: Wer trägt die Kosten für den Weg zur Arbeitsstätte, wenn die Beschäftigten stufenweise wieder in den Alltag finden sollen? In der Praxis geht es dabei nicht um Fahrten „nebenbei“, sondern um eine klar definierte Phase der Wiedereingliederung, die zeitlich mit der Krankheitsgeschichte verknüpft ist. Dass das Thema arbeits- und sozialrechtlich nicht nur eine Formalie ist, zeigt auch die gerichtliche Entwicklung zwischen dem Sozialgericht Dresden und dem Bundessozialgericht.
Ausgangspunkt war ein Verfahren vor dem Sozialgericht Dresden mit dem Aktenzeichen S 18 KR 967/19, das im Juni 2020 entschieden wurde. In dem Fall stritten ein Versicherter und seine Krankenkasse über die Erstattung von Fahrtkosten während einer Phase der stufenweisen Wiedereingliederung. Der Kläger legte insgesamt zehn Tage jeweils 20 Kilometer zurück, um seinen Arbeitsplatz zu erreichen, und forderte dafür eine Entschädigung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung. Das Sozialgericht gab der Klage statt und verpflichtete die Krankenkasse zur Zahlung von 85 Euro. Die Begründung knüpfte an die Einordnung der stufenweisen Wiedereingliederung als Maßnahme der medizinischen Rehabilitation an und leitete daraus ab, dass die Transportkosten zu den ergänzenden Leistungen gehörten, die von den Trägern der gesetzlichen Krankenversicherung zu tragen seien.
Diese Argumentation hat im Kern auf die therapeutische Zielsetzung der Wiedereingliederung gesetzt: Die schrittweise Heranführung an die volle Arbeitsbelastung erfolgt unter ärztlicher Aufsicht und soll den Heilungsprozess unterstützen. Aus dieser Perspektive entstand folgerichtig der Gedanke, dass Begleitkosten, etwa für An- und Abreise, nicht „zufällig“ anfallen, sondern Teil des Gesamtpakets sein müssten, damit die Maßnahme nicht durch finanzielle Hürden praktisch unterlaufen wird. Allerdings setzte das Sozialgericht zugleich eine Leitplanke: Ein Anspruch sei grundsätzlich auf die Kosten begrenzt, die bei Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) entstanden wären. Genau diese Begrenzung zeigt, wie stark es letztlich um konkrete Erstattungslogiken innerhalb des Leistungssystems ging.
Entscheidend ist jedoch, dass das Bundessozialgericht die Sichtweise aus Dresden später revidiert hat. In einer Entscheidung vom 16. Mai 2024 (B 1 KR 7/23 R) stellte es klar, dass die stufenweise Wiedereingliederung nicht als medizinische Rehabilitationsmaßnahme im Sinne des Sozialgesetzbuches zu qualifizieren ist. Die obersten Sozialrichter begründeten dies damit, dass es sich vielmehr um ein besonderes Beschäftigungsverhältnis handle: Die therapeutische Zielsetzung sei zwar vorhanden, prägend für die Leistungspflicht der Krankenkasse bei Fahrtkosten im genannten Kontext sei sie aber nicht. Für die Betroffenen folgt daraus eine harte Konsequenz: Nach aktueller höchstrichterlicher Rechtsprechung besteht demnach kein gesetzlicher Anspruch auf Erstattung der Fahrtkosten für den Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstätte während der Wiedereingliederung.
Für Arbeitnehmer bedeutet das in der Regel, dass sie ihre Wege zur Arbeit in dieser Phase selbst finanzieren müssen, sofern keine abweichenden Vereinbarungen bestehen. In der Argumentationslinie wird auch deutlich, warum die Kostenübernahme hier nicht automatisch „mitkommt“: Krankenkassen zahlen während der Wiedereingliederung zwar häufig Krankengeld, die Übernahme von Fahrtkosten ist aber eine rechtlich getrennte Leistung und hängt an der konkreten Einordnung als medizinische Rehabilitation. Praktisch heißt das für Personalabteilungen, dass die Planung der Wiedereingliederung nicht nur medizinische Rahmenbedingungen und Einsatzpläne umfasst, sondern auch eine realistische Kostenkalkulation für die Mobilität. Für Unternehmen wird außerdem relevant, dass die stufenweise Wiedereingliederung auf Freiwilligkeit beruht und deshalb schon im Vorfeld geprüft werden sollte, welche Kostenträger überhaupt in Betracht kommen.
Je nach Konstellation können etwa Arbeitgeber auf freiwilliger Basis Zuschüsse leisten. Daneben können andere Sozialleistungsträger einschlägig sein, etwa die Rentenversicherung, sofern die Wiedereingliederung im unmittelbaren Anschluss an eine Reha-Leistung erfolgt. Interessant ist dabei, wie stark sich die Erwartungshaltung gegenüber der früheren Dresdner Linie verschiebt: Wo das Sozialgericht 2020 noch Fahrtkosten als Teil ergänzender Reha-Leistungen behandelt hatte, sorgt das BSG-Urteil für Rechtssicherheit in eine Richtung, die für viele Versicherte tendenziell mit einer höheren eigenen finanziellen Last verbunden ist. Wenn Unternehmen ihre Prozesse zur betrieblichen Wiedereingliederung (inklusive BEM-nahem Vorgehen) digitaler und standardisierter abwickeln wollen, werden solche Rechtsklarheiten zum Pflichtbestandteil von Checklisten und Verfahrensdokumentationen.
Damit wird das Thema auch für moderne HR- und Compliance-Prozesse greifbar: Nicht, weil KI die Rechtsfrage löst, sondern weil digitale Workflows die richtigen Annahmen zur Kostentragung sichtbar machen können. Ein gut geführtes Verfahren reduziert Reibungsverluste zwischen Mitarbeitenden, Krankenkassen, ärztlicher Begleitung und Arbeitgeber, weil frühzeitig geklärt wird, was typischerweise nicht erstattungsfähig ist und welche alternativen Pfade für Zuschüsse oder andere Leistungsträger geprüft werden können. Entscheidend ist dabei, die gerichtliche Abfolge als Leitplanke zu nutzen: Die Entscheidung des Sozialgerichts Dresden behält Bedeutung für die historische Rechtsdebatte, kann für aktuelle Leistungsansprüche aber nicht mehr als tragfähige Grundlage dienen. Wer Wiedereingliederung heute plant, sollte daher die BSG-Linie als aktuellen Standard einpreisen und die betriebliche Umsetzung daran ausrichten.
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