ISRAEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine kleine Längsschnittstudie verfolgt Teilnehmende über 2,5 Jahre und zeigt: Wenn sich politische Loyalitäten verändern, passt sich die Hirnaktivität auf identische politische Inhalte an. Besonders deutlich reagierten Areale, die mit Emotion, Gedächtnis und Belohnung zusammenhängen. Für die Forschenden spricht das dafür, dass soziale Identität die Verarbeitung politischer Information im Gehirn stärker prägt als abstrakte Ideologie.

Wer politische Inhalte konsumiert, macht das selten im luftleeren Raum: Loyalitäten zu Parteien oder politischen Gruppen werden im Laufe der Zeit neu ausgehandelt – und genau diese Dynamik lässt sich offenbar auch im Gehirn beobachten. Statt Momentaufnahmen verglich eine Arbeitsgruppe deshalb zwei Messzeitpunkte bei denselben Personen und prüfte, ob die neuronale Reaktion auf denselben Stimulus sich verändert, sobald sich die eigenen politischen Gefühle verschieben. Der Kernbefund ist dabei weniger plakativ als methodisch interessant: Nicht das komplette Gehirn „lernt Politik“, aber bestimmte Schaltkreise passen sich besonders stark an, wenn Identifikation und emotionale Bewertung wachsen oder kippen.
Die Studie ordnet sich in eine länger laufende Debatte ein, wie „politische Identität“ eigentlich im Gehirn repräsentiert wird. Klassisch wird das über abstrakte Überzeugungen und programmatische Präferenzen operationalisiert – etwa die Selbstverortung zwischen liberal und konservativ. In den letzten Jahren hat sich jedoch laut Studiendesign und gesellschaftlichem Hintergrund die Art der Polarisierung häufig persönlicher gezeigt: Gruppenmitgliedschaft kann stärker wirken als konkrete Politikvorschläge. Genau deshalb stellen sich Forschende die Frage, ob sich solche Verschiebungen nur in Fragebögen widerspiegeln oder ob sie auch zeitlich über Bildgebung messbar werden.
Um diese Frage überhaupt longitudinal testen zu können, nutzten die Forschenden eine seltene Gelegenheit: In Israel kam es ab 2019 zu anhaltender politischer Instabilität mit wiederholten Wahlen und unerwarteten Bündnissen. Diese Konstellation störte stabile Parteigrenzen und bot den Teilnehmenden einen realen Anlass, ihre Loyalitäten im Verlauf der Zeit zu ändern. Startpunkt war eine erste Gehirnscan-Session im April 2019; mehr als zwei Jahre später, im August 2021, kehrten 21 der Teilnehmenden für einen zweiten Scan zurück. Während beide Termine in einer funktionalen Magnetresonanztomographie stattfanden – also mit Messung der Aktivität über Blutflussänderungen – sahen die Personen in beiden Durchläufen identische Videos, darunter Wahlwerbung linker, rechter und zentristischer Parteien sowie Redebeiträge politischer Figuren. Als neutrale Vergleichsbasis diente ein Dokumentationsclip über einen Mann, der einen alten Bus zu einem Haus umbauen ließ.
Nach jedem Scan füllten die Teilnehmenden umfangreiche Fragebögen aus. Die Erhebungen zielten auf Übereinstimmung mit den Videos, emotionale Beteiligung sowie konkrete Einstellungen zu den gezeigten Politikern, inklusive Bewertungen wie Vertrauen, Stolz, Wut und Ekel. Für den zweiten Zeitpunkt kam zusätzlich hinzu, wie stark sich die Meinungen seit der ersten Sichtung verändert hatten. Die Auswertung verdichtete diese Antworten zu einem Score, der abbilden sollte, wie sehr sich die Interpretation der Inhalte bei jeder Person verschoben hatte, wobei die Veränderungen in zwei Kategorien getrennt wurden: zum einen in Richtung abstrakter Ideologie, etwa Einschätzungen zu Regierungspolitik, zum anderen in Richtung Gruppenidentität, also Gefühle gegenüber spezifischen Figuren und politischen Lagern.
Technisch betrachtet verglichen die Forschenden die Scans von 2019 mit denen aus 2021 über Tausende kleine, dreidimensionale Volumeneinheiten im Gehirn, sogenannte Voxels. So ließ sich Kartenmaterial erzeugen, welche Bereiche sich am stärksten zwischen den Messzeitpunkten unterscheiden und welche weitgehend stabil bleiben. Damit die Unterschiede nicht schlicht auf generelle Effekte des neutralen Clips zurückzuführen waren, wurden baseline-bezogene Veränderungen herausgefiltert. Das Ergebnis zeigte eine Art „Hierarchie“ der Anpassung: Sinnesareale wie der visuelle und der auditorische Kortex wiesen die geringsten Änderungen auf und reagierten auf denselben Videoinput nach über zwei Jahren nahezu gleich. Währenddessen traten die größten Differenzen in tiefer liegenden Regionen auf, die mit Gedächtnis, Emotion und Belohnung verbunden sind – darunter Amygdala, Hippocampus und Striatum. Diese Einordnung ist plausibel, weil die Amygdala stark an der Bewertung emotionaler Reize beteiligt ist, der Hippocampus Gedächtnisspuren formt und abrufbar macht und das Striatum Belohnungs- bzw. Lernsignale mitverarbeitet.
Entscheidend ist jedoch nicht nur, dass sich Aktivität verschiebt, sondern wann und womit. Die Studie berichtet für die veränderten Hirnaktivitäten einen Zusammenhang mit den Fragebogen-Score-Werten: Je stärker sich eine Person die Videos „anders“ interpretierte, desto deutlicher veränderten sich die neuronalen Muster. Besonders ausgeprägt war das bei Politikerinnen und Politikern, die im Zeitraum zwischen den Messungen unerwartete Allianzen geschmiedet hatten oder ihre politische Position geändert hatten. Noch informativer wird es durch die Trennung der Interpretationsänderungen: Die stärkste Assoziation ergab sich mit Veränderungen in Gefühlen gegenüber politischen Gruppen und konkreten Akteuren. Dagegen war der Zusammenhang zwischen Hirnaktivität und Änderungen abstrakter ideologischer Überzeugungen statistisch nicht signifikant. Für die Interpretation heißt das: Loyalität zu einem „Team“ könnte die Verarbeitung politischer Signale im Gehirn stärker treiben als das abstrakte Umbrechen von Policy-Überzeugungen.
Wichtig bleiben die Grenzen des Studiendesigns. Weil über Zeit beobachtet wurde, kann die Arbeit vor allem Assoziationen identifizieren, nicht eindeutig kausale Ketten. Unklar ist daher, ob sich zuerst die politischen Einstellungen verändern und dann die Verarbeitung im Gehirn nachzieht – oder ob grundlegende neuronale Veränderungen die neue Sicht auf Politik mitprägen. Zudem ist die Stichprobe mit 21 Personen beim zweiten Scan klein, weshalb ein systematischer Vergleich zwischen klar konservativen und klar liberalen Teilnehmenden nicht möglich war. Auch die ökologische Einbettung spielt mit hinein: Selbst wenn die Videos identisch waren, könnten reale Handlungen der gezeigten Politiker zwischen 2019 und 2021 die Interpretation mit beeinflusst haben. Die Forschenden schlagen deshalb für Folgearbeiten kontrolliertere Laborbedingungen vor, um interne Verschiebungen der Meinungen stärker von externen politischen Ereignissen zu trennen. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in Communications Psychology in dem Beitrag „Changes in political attitudes are associated with changes in neural responses to political content“.
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