LONDON (IT BOLTWISE) – eMudhra zieht sich nach einer Key-Panne aus dem globalen SSL/TLS-Zertifikatsgeschäft zurück. Ein Forscher hatte private Schlüssel für acht Intermediate-CAs als leicht erratbar identifiziert, darunter sechs TLS-Intermediates. Chrome und Firefox stoppten die betroffenen Zwischenhierarchien kurzfristig, wodurch tausende unablaufende Zertifikate neu ausgerollt werden müssen. Die Browser-Änderungen sollen am 27. Oktober wirksam werden und viele Betreiber zur Migration auf alternative PKI-Hierarchien zwingen.

Dass eine Zertifizierungsstelle ihr SSL/TLS-Geschäft global einstellt, wirkt zunächst wie eine Ausnahme. Im konkreten Fall trifft es jedoch nicht „nur“ einzelne Zertifikate, sondern eine ganze Vertrauenskette: eMudhra kündigt an, aus der globalen SSL/TLS-Zertifikatsausgabe auszusteigen, nachdem private Schlüssel für acht Intermediate-CAs als „leicht erratbar“ wiederherstellbar waren. Der Beschluss des Boards erfolgte am Donnerstag, fünf Tage nachdem der Vorfall öffentlich beschrieben worden war. Besonders brisant ist die Einordnung der betroffenen Zertifikate: Sechs der acht Intermediate-CAs waren für Website- bzw. TLS-Zertifikate relevant, also genau jene Kette, die im Browser-Zugriff für HTTPS zum Einsatz kommt.
Technisch lässt sich der Kern der Lage so zusammenfassen: Private Schlüssel sollten kryptografisch zufällig und damit praktisch nicht erratbar sein. Laut Recherche waren alle acht Schlüssel kleiner als 256, wodurch eine Rekonstruktion in sehr kurzer Zeit möglich gewesen sein soll. Chrome und Firefox haben daraufhin die sechs TLS-Intermediates innerhalb weniger Stunden blockiert. Google begründet zudem, dass kein Zertifikat dieser Intermediates zuvor in öffentlichen Certificate-Transparency-Logs auftauchte, wodurch keine konkreten Missbrauchsartefakte in Chrome-Kontexten zu erwarten seien. Genau hier zeigt sich aber der systemische Effekt schwacher Schlüssel: Selbst ohne nachweisbaren Einsatz reichen die erkannten Schwächen, um das Vertrauensmodell der Browser-Landkarte zu entkoppeln.
Die Folgewirkung betrifft danach vor allem den Betrieb: Chrome will den emSign ECC Root CA – G3 oberhalb der betroffenen Zertifikate nicht mehr vertrauen. Nach Chrome-Zählung gab es am 21. Oktober noch etwa 30.800 unablaufende Zertifikate, die in diese Wurzelkette eingebunden waren. Davon sollen 99,9% über InCommon ausgestellt worden sein, das von Internet2 für die Hochschul- und Bildungscommunity betriebene Zertifikatsservice-Modell. InCommon hat die Service-Ausstellung erst in diesem Jahr zwischen April und Juli auf eMudhras CertiNext-Plattform verlagert. Für Betreiber bedeutet das: Es geht weniger um die Frage, ob die eigene Webseite „kompromittiert“ wurde, sondern um die Wahrscheinlichkeit, dass sie beim nächsten Browser- oder Root-Update nicht mehr vertrauenswürdig angezeigt wird.
Google adressierte genau diesen Umstand und forderte Betreiber von Zertifikaten unter dieser Root-Hierarchie auf, „sofort“ ein neues TLS-Zertifikat aus einer anderen PKI-Hierarchie zu beschaffen, die im Chrome Root Store enthalten ist. Der geplante Zeitplan ist dabei konkret: Chrome-Erwartungen zufolge sollen die Änderungen am Morgen des 27. Oktober (Pacific time) bei Nutzern ankommen. eMudhra versucht derweil, Übergänge abzufedern: Bis die Umstellung abgeschlossen ist, sollen die RSA-basierten G1 Root-Zertifikate weiter Dienste bereitstellen. InCommon und große Bildungseinrichtungen standen damit vor einer typischen PKI-Migrationsaufgabe – und gleichzeitig vor einer zusätzlichen Komplexität, weil die Migration von ECC auf RSA nicht „automatisch“ im Sinne standardisierter Zertifikats-Clients ist.
Die Migration ist nämlich nicht nur ein matter of „Zertifikat austauschen“, sondern oft auch ein matter of „Client- und Renewal-Logik“. eMudhra geht davon aus, dass rund 30.000 Zertifikate umgezogen werden müssen, wobei etwa 97% per ACME-Protokoll angefordert und erneuert wurden – ein Mechanismus, der im Serverbetrieb genau für automatisierte Rotation gebaut wurde. Allerdings erklärt Chrome, dass Standard-ACME-Clients Zertifikate nicht außerhalb ihres Erneuerungsfensters ersetzen, sofern sie ACME Renewal Information (ARI) unterstützen oder ein Betreiber per Hand eingreift. Praktisch heißt das: Wer nur auf automatisches „Renew“ wartet, kann in Timing-Fallen laufen, wenn der Root oder die Vertrauenskette schneller „distrusted“ wird als das nächste geplante Renewal. Zusätzlich kann das Umziehen von der ECC- auf die RSA-Hierarchie Anpassungen an Client-Einstellungen erfordern.
Während eMudhra in der Kommunikation betont, dass die betroffenen Schlüssel nicht für die Ausstellung von Website-Zertifikaten oder für die Ausgabe an Nutzer verwendet worden seien und dass keine Systeme kompromittiert worden seien, bleibt die operative Vertrauensfrage für die RSA-Alternative in Teilen offen. Mozilla schrieb am 20. Oktober, man entferne vorerst noch nicht das Vertrauen in den G1 Root (emSign Root CA – G1). Gleichzeitig existieren im Ökosystem weitere Ketten: An der Stanford-Universität laufen InCommon-Zertifikate über eine eMudhra-CA mit dem Namen emSign Root TLS CA – G1. Bereits am 14. Oktober veröffentlichte eMudhra eine CRL für diese CA. Eine CRL ist dabei die signierte Liste widerrufener Zertifikate; in diesem Fall soll die Signatur nicht gegen den Schlüssel der eigenen CA verifizierbar gewesen sein, wie der Forscher in Mozillas öffentlichem Bug-Report beschrieben hat. Ein weiterer Kommentator vermutete am 22. Oktober, die Liste wirke mit dem Schlüssel eines OCSP-Zertifikats signiert, was eher auf einen Signatur-Key-Mismatch hindeute als auf eine neue, eigenständig schwache Schlüsselbasis.
Für die Branche ist damit ein Doppelthema sichtbar: Erstens zwingt die Browser-seitige Root-Entkopplung zu schnellen, konservativen Migrationspfaden. Zweitens zeigt der Kontext, dass „Zwischenfallmanagement“ in PKI nicht nur aus dem Austausch betroffener Zertifikate besteht, sondern auch aus korrekten CRLs, konsistenter Incident-Dokumentation und transparenter Aufklärung darüber, welche Key-Paare für welche Hierarchiestufen tatsächlich existieren. Chrome hat im Bug-Report wiederholt Fragen gestellt, unter anderem, welcher Schlüssel eine CRL signiert habe und ob eMudhra mehrere Key-Paare für bestimmte CA- oder Root-Einträge verwalte. eMudhra erklärte am 20. Oktober, G1 sei die einzige Alternative; am nächsten Tag hieß es, man stelle betroffenen US-Kunden neue Zertifikate „aus einer alternativen, unabhängig betriebenen, öffentlich vertrauenswürdigen CA-Hierarchie“ aus. Für InCommon bleibt laut Berichten zudem unklar, ob eMudhra parallel weiter neue Zertifikate unter G1 ausgeben würde, bis der Ausstieg abgeschlossen ist.
Unternehmen und Hochschulen müssen nun vor allem die nächsten praktischen Schritte sauber takten. Cornell hat seine Zertifikatsinhaber laut Quelle dazu aufgefordert, RSA-Zertifikate statt ECC-Zertifikaten zu verwenden, weil diese den „unbetroffenen“ Root nutzen sollen und daher funktionieren sollten. Die Universität Michigan betont derweil, dass InCommon RSA-Zertifikate aktuell nicht betroffen seien, das Vertrauen in die zugrunde liegende Root-Kette aber ebenfalls künftig entzogen werden könnte. Als kurzfristige Ausweichroute wird deshalb häufig ein Wechsel zu Let’s Encrypt genannt. eMudhra wiederum kündigt an, ihre Revocation- und Statusdienste bis zum Ablauf bzw. bis zur Ersetzung aller von ihr ausgestellten SSL/TLS-Zertifikate laufen zu lassen. Das Geschäft rund um digitale Signaturen, eSign sowie die CertiNext-Plattform für InCommon soll fortgeführt werden – ein Hinweis darauf, dass der Rückzug gezielt den SSL/TLS-Teil der Vertrauensvergabe betrifft, während andere PKI-Anwendungsfelder anders strukturiert bleiben.
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