LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft ADHS mit einer höheren Gründungswahrscheinlichkeit, aber nur bei hochintelligenten Männern. Bei Frauen zeigt sich dagegen ein umgekehrtes Muster: ADHS geht dort mit den niedrigsten Selbstständigkeitsquoten einher – unabhängig von der gemessenen kognitiven Leistung. Die Ergebnisse stützen damit die These, dass der in populären Erzählungen oft behauptete „ADHS als Entrepreneur-Superkraft“-Effekt stark von sozialen Rahmenbedingungen abhängt. Zugleich mahnt die Arbeit, dass frühere Studien zu diesem Thema möglicherweise wegen unterschiedlicher Geschlechterzusammensetzungen zu widersprüchlichen Mittelwerten kamen.

Im Narrativ vieler Gründungs-Communities gilt ADHS als eine Art „Vorteil“: mehr Unruhe, mehr Risikoaffinität, schnelleres Handeln. Eine Studie aus dem Umfeld der Applied Psychology zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild und zeigt, dass der Zusammenhang zwischen ADHS und unternehmerischem Einstieg nicht als allgemeingültige Einbahnstraße taugt. Im Kern berichten die Autorinnen und Autoren von einem Effekt, der sich entlang zweier „Grenzbedingungen“ aufspaltet: gemessene allgemeine Intelligenz und das Geschlecht. Während hochintelligente Männer mit ADHS deutlich häufiger den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, kehrt sich das Muster bei Frauen tendenziell um. Der Befund wirkt damit weniger wie ein biologischer Startknopf und eher wie eine Interaktion zwischen individuellen Fähigkeiten und dem sozialen Zugang zur Rolle „Gründer: in“.
Technisch lässt sich das Ergebnis gut über das in der Psychologie bekannte Person-Environment-Fit-Modell erklären. Die Arbeit unterscheidet dabei zwei Ebenen: „Demands-abilities fit“ fragt, ob jemand die mentalen und praktischen Fähigkeiten mitbringt, um die Anforderungen eines Unternehmensalltags zu bewältigen. Dazu zählen in der Argumentation der Studie etwa Problemlösen, strategische Planung und der Umgang mit finanziellem Risiko unter Unsicherheit. Höhere allgemeine Intelligenz kann solche Aufgaben offenbar so stützen, dass Defizite in Bereichen der Exekutivfunktionen – etwa Aufmerksamkeitskontrolle oder Impulshandhabung – weniger stark durchschlagen. „Needs-supplies fit“ ergänzt das um die soziale Dimension: Wie gut liefert ein Umfeld Unterstützung, Ressourcen und Legitimität, die eine Person braucht? Gerade hier kommen kulturelle Erwartungen und Stereotype ins Spiel, weil sie je nach Geschlecht unterschiedlich wirken. Wenn ADHS und Unternehmertum in gesellschaftlichen Wahrnehmungen oft „genderisiert“ gelesen werden, treffen Männer und Frauen nicht nur auf unterschiedliche Hürden, sondern auch auf unterschiedliche Interpretationen derselben Verhaltensweisen.
Methodisch ist die Studie außerdem als Antwort auf ein zentrales Kritikfeld angelegt. In vielen früheren Untersuchungen wurden ADHS und spätere Karrierestationen retrospektiv gleichzeitig erhoben, wodurch Recall Bias entsteht und sich kaum sauber abbilden lässt, was zeitlich zuerst geschah. Mi (Kelly) Hoang Tran, Assistant Professor für Entrepreneurship und Innovation an der Lally School of Management am Rensselaer Polytechnic Institute, bringt es in der Studie so auf den Punkt: „In popular culture, ADHD is increasingly framed as an entrepreneurial advantage: the restlessness, the risk-taking, the bias toward action, “ erklärt Tran. „But the scientific evidence was far more equivocal.“ Das Team wählt deshalb einen nationalen Längsschnittdatensatz, der über Jahrzehnte hinweg mehr als 4.000 Personen verfolgt. Verwendet wird die National Longitudinal Survey of Youth 79 Child and Young Adult, wodurch ADHS-Einstufungen bereits im Kindesalter auf Basis von Angaben der Mutter erfolgen, während unternehmerische Entscheidungen erst später beobachtet werden. Das verschiebt die Perspektive vom „Nach-Erinnern“ hin zum „Zuschauen“ über Zeit.
Im ausgewerteten Datensatz umfasst die finale analytische Stichprobe 4.128 Personen mit insgesamt 10.959 Person-Jahr-Beobachtungen über die Erhebungswellen. Als Zeitpunkt für die berufliche Betrachtung gilt ein Eintritt in ein „prime working age“ ab 25 Jahren. Operationalisiert wird Unternehmertum über Selbstständigkeit in der Haupterwerbstätigkeit, während der Vergleichsmodus entsprechende Anstellungen in Privatunternehmen, im öffentlichen Dienst oder in Non-Profit-Organisationen abbildet. ADHS wird dabei als mütterlicher Bericht über eine einschränkende Aufmerksamkeitsstörung und/oder Hyperaktivität bei Kindern unter 15 Jahren definiert; außerdem zählt, wenn das Kind innerhalb des vergangenen Jahres einen mentalen Gesundheitsdienst wegen ADHS-Symptomen konsultiert hat. In dieser Gruppe berichten über 90 % der Mütter, dass ihre Kinder medizinisch behandelt oder medikamentös eingestellt wurden. Kognitive Fähigkeit wird im Kindesalter über das Peabody Individual Achievement Test erfasst, mit Subtests zu quantitativer Orientierung, Worterkennung und Leseverständnis; die Ergebnisse werden zu einem Gesamtindex verdichtet.
Bei einer groben Betrachtung ohne Differenzierung nach Intelligenz oder Geschlecht findet das Team keinen direkten Durchschnittseffekt: ADHS allein „wird nicht automatisch in die Selbstständigkeit gedrückt und hält dort auch nicht pauschal fern“. Die Modellierung macht jedoch deutlich, dass sich zwei gegensätzliche Geschichten im Mittel überdecken. Für Männer mit ADHS und hoher kognitiver Fähigkeit berichten die Autorinnen und Autoren einen Eintritt in Entrepreneurship von nahezu der dreifachen Rate im Vergleich zur typischen Basis. Als grobe Referenz nennt Tran, dass etwa 5,7 % der Beschäftigten zu einem gegebenen Zeitpunkt als Entrepreneurs einzuordnen seien; auf dieser Grundlage werden die Differenzen als substanziell beschrieben. Für Männer mit ADHS und hoher Intelligenz liegen die vorhergesagten Gründungsraten bei rund 15 %. Bei Menschen mit ADHS insgesamt steigt die Wahrscheinlichkeit mit zunehmender Intelligenz um etwa 50 % relativ pro „Schritt“ nach oben – doch dieser Verstärkungseffekt konzentriert sich laut Auswertung auf Männer. Frauen mit ADHS erreichen dagegen vorhergesagte Raten nahe 1 % und profitieren nicht messbar von höherer kognitiver Leistung; die Autorinnen und Autoren interpretieren das als Hinweis auf soziale und strukturelle Barrieren statt auf fehlende Fähigkeit. „Women with ADHD entered at the lowest rate of any group we studied, and, tellingly, high cognitive ability did not improve their odds, “ so Tran. „… points to social and structural barriers rather than any difference in capability.“ Dass sich damit der populäre „ADHS-Vorteil“-Gedanke nicht als universales Versprechen replizieren lässt, erklärt auch, warum ältere Befunde so stark schwankten: Wenn Effekte in zwei Richtungen laufen, kann ein Mittelwert je nach Stichprobenzusammensetzung sehr unterschiedlich ausfallen.
Die Autorinnen und Autoren prüfen zudem mehrere Robustheitschecks. Die zentralen Muster bleiben auch dann erhalten, wenn die Analyse auf Personen eingeschränkt wird, die eine medizinische Behandlung wegen ADHS erhalten, oder wenn alternative statistische Spezifikationen getestet werden. Auffällig ist außerdem, dass die Verstärkung durch Intelligenz bei Männern besonders in uninkorporierter Selbstständigkeit auftritt, also in Konstellationen mit maximaler Flexibilität und niedrigeren formalen Eintrittshürden. Gleichzeitig nennen Tran und das Team Limitationen, die für die Einordnung wichtig sind: Beobachtungsdaten liefern keinen Kausalnachweis. Zudem wurden ADHS-Einstufungen in den 1980er- und 1990er-Jahren vorgenommen, als Mädchen nach Angaben der Autorinnen und Autoren deutlich seltener diagnostiziert wurden; dadurch könnte die Zusammensetzung der ADHS-Gruppe bei Frauen über die Zeit eher diejenigen abbilden, die stärker ausgeprägte Symptome zeigen. Auch geht es um „Entry“ in Entrepreneurship, nicht um Erfolg, Überleben oder Wohlbefinden von Gründerinnen und Gründern. Für die Praxis bedeutet das: Förderprogramme sollten den „Vorteil“-Frame zwar kritisch spiegeln, aber gleichzeitig konkrete, adressierbare Unterstützung in den Vordergrund rücken.
Auf der Agenda steht daher weniger eine pauschale Diagnose „ADHS macht gründen“, sondern eine präzisere Wissenschaft des Zusammenspiels zwischen Neurodiversität und unternehmerischer Tätigkeit. Tran formuliert als nächste Schritte, ob die beobachtete Geschlechterdifferenz auch in Leistungskennzahlen durchschlägt: etwa in Venture-Performance, Survival und Gründerwohl. Daneben fordert die Studie gezielt Moderatoren, die sich real verändern lassen, darunter Behandlung und Unterstützungsverläufe, entrepreneurial self-efficacy sowie Mentoring. „Second, studying moderators that can actually be changed, “ heißt es in den Aussagen von Tran. „Gender and cognitive ability are stable characteristics, but treatment and support history, entrepreneurial self-efficacy, and mentorship are levers that policy and programs can move.“ Der langfristige Anspruch ist, mit solchen Erkenntnissen Trainings- und Begleitstrukturen so zu gestalten, dass die Flexibilität, die Selbstständigkeit häufig ermöglicht, tatsächlich zugänglich wird – nicht nur für die Personen, die bereits von vornherein die passenden gesellschaftlichen Zugänge haben. Den Artikel mit dem Titel Who benefits from ADHD in entrepreneurship? Intelligence and gender as critical boundary conditions haben Mi Hoang Tran, Wei Yu, Johan Wiklund und Ute Stephan verfasst.
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