LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass Menschen ihre Gefühle tagsüber unterdrücken können, ohne dass sich dadurch die emotionale Intensität in ihren Träumen messbar verändert. In einem Sieben-Tage-Tagebuch bewerteten Teilnehmende abends die Tagesemotionen und morgens die Emotionen in ihren erinnerten Träumen. Zwar verschob sich die Stimmung im Ganzen von Wachzustand zu Traum, doch Unterschiede zwischen stärkerer und schwächerer Unterdrückung fanden sich nicht. Die Ergebnisse werfen damit vor allem Fragen dazu auf, wie „Unterdrückung“ in solchen Erhebungen tatsächlich erfasst wird.

Wer tagsüber Reize und Konflikte lieber „runterschluckt“, erwartet oft auch nachts eine Art Gegenbewegung. Genau diese Annahme steht im Zentrum einer Veröffentlichung in Dreaming (DOI: Dreaming): Menschen erleben in Träumen zwar insgesamt weniger positive und mehr negative Emotionen als im Wachzustand, doch eine persönliche Tendenz zur emotionalen Unterdrückung am Tag soll laut den neuen Daten nicht die emotionale Intensität der Träume verändern. Damit widerspricht die Studie einer simplen „Rebound“-Erwartung, bei der verdrängte Inhalte im Schlaf besonders intensiv wieder auftauchen.
Die theoretische Brücke dahinter kommt aus zwei Richtungen: Erstens betrachten Schlaf- und Gedächtnisforscher das Träumen als nächtliches System zur emotionalen Verarbeitung. In dieser Perspektive hilft der schlafende, verarbeitende Gehirnzustand dabei, schwer einzuordnende Erinnerungen zu integrieren und psychischen Stress zu regulieren. Zweitens wird die Logik des „Rebound“ auch über die psychologische ironic process theory diskutiert: Wer aktiv versucht, einen Gedanken nicht zuzulassen, muss ihn im Hintergrund überwachen. Während des Schlafs ist die ausführende Kontrolle weniger aktiv, wodurch die Überwachung „aus dem Tritt“ geraten könnte und unterdrückte Inhalte dann mit erhöhter emotionaler Ladung im Traum durchbrechen.
Um zu prüfen, ob eine solche Verbindung im Alltag sichtbar wird, nutzte Yui Yoshioka einen mehrstufigen Studiendesign-Ansatz mit insgesamt 76 Erwachsenen. Zunächst erfolgte eine Online-Rekrutierung und ein Screening, unter anderem auf starke Depression und auf geringes Traum-Erinnerungsvermögen. Auf Basis von Fragebögen wurden Teilnehmende in eine Gruppe mit hoher und eine mit niedriger Tendenz zur emotionalen Unterdrückung eingeteilt. Der zentrale Datenteil lief dann über sieben Tage: Jede Person bewertete abends acht Emotionsdimensionen auf einer Acht-Punkte-Skala – vier positiv (etwa Freude, Zufriedenheit) und vier negativ (etwa Traurigkeit, Wut). Morgens beschrieben sie die erinnerten Träume schriftlich und bewerteten die Emotionen innerhalb dieser Träume mit derselben Skala.
Die Tagebucheinträge zeigen dabei ein wiederkehrendes Muster über den Wach- und Traumzustand hinweg. Im Wachzustand berichteten die Teilnehmenden positive Emotionen als intensiver als negative. In den Träumen kehrte sich das jedoch teilweise um: Die Intensität positiver Emotionen wie Zufriedenheit und Freude sank, während negative Gefühle – beispielsweise Angst oder Verwirrung – an Intensität gewannen. Dieses Gesamtbild passt zur Idee, dass Träume eher mit negativem psychischem Material „arbeiten“. Entscheidend ist aber: Diese Verschiebung hing in den Daten nicht davon ab, ob jemand im Fragebogen als stärker oder schwächer unterdrückend eingestuft wurde. Es gab keine Unterschiede in der emotionalen Intensität der Träume zwischen den beiden Gruppen; der einzige erkennbare Effekt war eher verhaltensbezogen – Personen mit niedrigerer Unterdrückung neigten dazu, weniger über ihre Träume zu sprechen.
Warum bleibt der erwartete Rebound aus? Die Studie nennt mehrere methodische und kontextuelle Erklärungen, die für die Interpretation wichtig sind. Zunächst misst das verwendete Instrument vorrangig die Unterdrückung von emotionalem Ausdruck, also das „nach außen hin“ weniger zeigen – beispielsweise gereizt sein und es verstecken oder in Wut schweigen. Es erfasst dagegen nicht direkt die interne, unbewusste Verdrängung des Gefühls selbst. Das bedeutet: Jemand könnte tagsüber zwar bewusst nichts nach außen gelangen lassen, den inneren Gedanken aber durchaus vollständig wahrnehmen. In diesem Fall würde die vermeintliche „Fehlsteuerung“ der Gedanken unter der iro nischen Logik möglicherweise gar nicht auslösen, weil keine echte kognitive Sperre versucht wird.
Daneben spielen kulturelle Faktoren eine Rolle. Die Teilnehmenden waren Erwachsene in Japan, wo gesellschaftliche Normen häufig Zurückhaltung in der emotionalen Darstellung und in der Selbstoffenbarung begünstigen. Wenn das Ausmaß äußerer Unterdrückung ohnehin verbreitet ist, könnte die Spannbreite zwischen den Gruppen kleiner sein als in anderen Kulturkontexten. Außerdem ist denkbar, dass Teilnehmende ihre negativen Gefühle in Tagebuch-Einträgen unbewusst abschwächen – etwa weil sie wussten, dass eine andere Person die Angaben liest. Genau hier greift das Risiko der sozialen Erwünschtheit als Verzerrungsmechanismus bei selbstberichteten Emotionsratings.
Auch die Art, Träume zu erfassen, beeinflusst, welche emotionalen Peaks überhaupt sichtbar werden. Ein tägliches Tagebuch zwingt zu einer breiteren Abdeckung: Jede Morgenaufnahme erfasst, was erinnert wird, selbst wenn der Traum eher unspektakulär oder emotional flach war. Andere Ansätze bitten dagegen häufig um den „einprägsamsten“ Traum der letzten Zeit; solche Methoden berichten dann oft von fremder wirkenden und stärker negativ geprägten Traumerlebnissen. Ein tägliches Protokoll kann damit ein gutes Mittelmaß über viele Nächte liefern, aber es kann seltene, sehr intensive Traumspitzen übersehen. Für weitere Forschung schlagen die Autorinnen und Autoren daher vor, emotionales Erleben möglichst objektiver zu messen – etwa mit physiologischen Sensoren während des Schlafs – und experimentell klar zu kontrollieren, welche Gedanken vor dem Zubettgehen tatsächlich unterdrückt werden, statt auf stabile Persönlichkeitseigenschaften als Proxy zu setzen.
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