AMSTERDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie deutet darauf hin, dass ADHS-typische Impulsivität im Jugendalter nicht nur riskant ist, sondern auch in prosociales Handeln umschlagen kann. Jugendliche mit klinischer ADHS-Diagnose zeigen demnach eine höhere Bereitschaft, soziale Sicherheit oder Status für das Wohl anderer aufs Spiel zu setzen. Gleichzeitig bleiben positive und negative Risikoformen teilweise ähnlich verteilt. Für Medizin, Schule und Familien eröffnet das neue Ansatzpunkte, um Energie und Spontanität gezielt in sichere, gesellschaftlich hilfreiche Bahnen zu lenken.

Im Jugendalter gelten Risiken oft als Teil des Erwachsenwerdens: Wer zu spät bremst, landet schneller in Schwierigkeiten. Bei Jugendlichen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird diese Beobachtung zusätzlich durch das bekannte Muster aus Ablenkbarkeit, motorischer Unruhe und impulsiven Entscheidungen verstärkt. Eine aktuelle Arbeit verschiebt jedoch den Blickwinkel: Die Studie fragt nicht nur, wie gefährlich Impulsivität sein kann, sondern ob sie auch eine verborgene „soziale“ Funktion besitzt. Konkret zeigt sich, dass die Bereitschaft zu prosocialen Risiken bei Jugendlichen mit ADHS ausgeprägter sein kann als bei typischer Entwicklung.
Technisch betrachtet entsteht diese Diskrepanz aus einem Entwicklungsfenster im Gehirn. Laut etablierter Entwicklungspsychologie reifen Belohnungs- und Affekt-Systeme häufig früher aus, während Areale für kognitive Kontrolle und langfristige Planung deutlich später „nachziehen“. Dadurch entsteht ein Zustand, in dem Belohnungsanreize schnell wirken, aber die neurobiologischen Bremsmechanismen für eine reflektierte Entscheidung noch nicht vollständig greifen. Bei ADHS kann diese Grundtendenz noch stärker werden: Eine erhöhte Belohnungssensitivität trifft auf niedrigere Baseline-Werte kognitiver Kontrolle. Das macht es wahrscheinlicher, dass Entscheidungen impulsiv ausfallen – aber eben nicht zwangsläufig im negativen Sinne.
Damit rückt auch die Definition von „Risiko“ in den Fokus. Risiko ist dabei nicht gleichbedeutend mit Selbstgefährdung, sondern beschreibt jede Wahl mit ungewissem Ausgang. Entwicklungsforscher unterscheiden zwei positive Richtungen: Zum einen positive Risiken, die dem Jugendlichen selbst zugutekommen können, etwa Neues auszuprobieren, sich für eine Aktivität zu melden oder ein erstes Treffen anzustoßen. Zum anderen prosociale Risiken, die dem Nutzen anderer dienen, etwa jemandem den Rücken zu stärken, wenn Mitschüler*innen gemobbt werden, gegen Autoritäten aufzubegehren oder sich an kontroversen Protesten zu beteiligen. Genau hier setzt die Untersuchung an, weil diese „gutartigen“ Risikoformen bislang vergleichsweise wenig bei ADHS systematisch betrachtet wurden.
Das Forschungsteam um Barbara R. Braams von der Vrije Universiteit Amsterdam hat hierzu 104 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren einbezogen: 50 mit klinisch bestätigter ADHS-Diagnose und 54 mit typischer Entwicklung. In rund einer Stunde durchliefen die Teilnehmenden digitale Fragebögen und Verhaltensaufgaben. Die Risiko- Neigung wurde über hypothetische Szenarien erfasst, wobei negative Risiken über ein etabliertes Instrument für Gesundheits- und Sicherheitsgefahren gemessen wurden. Da standardisierte Skalen für positive und prosociale Risiken noch relativ neu sind, entwickelten die Forschenden zwei eigene Fragebögen mit jeweils 13 Szenarien. Damit wird zwar methodisch gefordert, aber inhaltlich präziser abgebildet, wie Jugendliche „mutige“ Entscheidungen deuten.
Ein weiterer technischer Kernpunkt ist die Messung von Impulsivität über „Delay Discounting“. Dabei wählen Teilnehmende zwischen einer kleineren Sofortbelohnung und einer größeren Belohnung nach Wartezeit; abnehmende Wertschätzung über Zeit lässt sich als Maß für Impulsivität interpretieren. Die Aufgabe wurde als Computerinteraktion umgesetzt, in der digitale Flugobjekte über den Bildschirm wanderten und unterschiedliche Geldbeträge symbolisch transportierten. Zusätzlich erfasste das Team über Fragebögen Langeweile-Anfälligkeit, Empathie-Erleben und allgemeine Tendenzen zu helfendem Verhalten. In der Auswertung zeigte sich schließlich: Jugendliche mit ADHS berichteten eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich auf prosociale Risiken einzulassen. Für positive Risiken und negative Risiken dagegen fanden die Autor*innen keine vergleichbaren Gruppenunterschiede.
Dieser Befund ist auch deshalb relevant, weil er scheinbare Widersprüche auflöst. In früheren medizinischen Arbeiten wurde ADHS häufig vor allem mit erhöhten negativen Risikoformen in Verbindung gebracht. Dass diese hier nicht stärker ausgeprägt waren, könnte an der Zusammensetzung der Stichprobe liegen; die Autor*innen weisen darauf hin, dass die untersuchte Gruppe möglicherweise besonders leistungsstark oder „funktional“ war. Gleichzeitig zeigt die Korrelation über alle Jugendlichen hinweg, dass alle drei Risikoarten miteinander zusammenhängen: Wer eher negative Risiken akzeptiert, zeigt oft auch höhere Tendenzen zu positiven und prosocialen Risiken. Als Erklärungsmuster spricht daher weniger ein einzelnes Charaktermerkmal als vielmehr eine übergreifende Bereitschaft an, unsichere Konsequenzen zu tolerieren.
Psychologisch erklären die Autor*innen die Unterschiede durch Impulsivität als gemeinsamen Prädiktor. Impulsivität hängt positiv sowohl mit negativen als auch mit prosocialen Risikoneigungen zusammen. Das ist plausibel: „Schnell entscheiden“ kann sowohl zu Fehltritten als auch zu spontanem Eingreifen führen. Überraschend war dagegen, dass prosociales Risiko nicht mit allgemeiner Empathie zusammenhing. Die Forschenden vermuten statt starker emotionaler Resonanz eher eine Sensitivität für soziale Gerechtigkeit: Wer Ungleichheit wahrnimmt, empfindet möglicherweise einen unmittelbaren Druck, etwas zu korrigieren. Diese Idee passt zu Debatten in der ADHS-Forschung, in denen etwa die Impulsivitäts- und Selbstregulationsmodelle konkurrierender Ansätze (z. B. Arbeiten rund um Russell Barkley) den Schwerpunkt häufig auf Verhaltenssteuerung und zeitliche Priorisierung legen.
Wie bei jeder Studie bleiben Grenzen: Erstens stützen sich die Ergebnisse auf Selbstauskunft und hypothetische Szenarien. Jugendliche können Erwartungen im Labor formulieren, die im echten Leben anders ausfallen. Zweitens ist die Stichprobe mit etwas über hundert Personen begrenzt, und zwei Fragebögen wurden neu konstruiert – andere Teams müssen die Skalen replizieren und validieren. Für die Praxis folgen daraus trotzdem konkrete Impulse: Therapiepläne fokussieren ADHS typischerweise auf die Reduktion schädlicher Verhaltensweisen. Die Studie legt nahe, Energie und Spontanität auch als Ressource zu betrachten und in sichere, produktive prosociale Gelegenheiten zu lenken. Wichtig sind dabei Datenschutz und Ethik, da digitale Aufgaben und Fragebögen sensible Entwicklungsdaten berühren; Kliniken sollten daher auf datensparsame Erhebung, klare Einwilligungen und robuste Aufbewahrungs- und Zugriffskonzepte achten. Die Ergebnisse wurden im Journal of Attention Disorders veröffentlicht.
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